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I In der Gewaltfreien Kommunikation sind wir es gewohnt, Gefühle als
Wegweiser zu unseren Bedürfnissen zu nutzen. Im Falle der Angst bin ich
der Meinung, dass wir den Wegweiser oft falsch deuten. Hinter Angst steckt
das Bedürfnis nach Sicherheit, so eine fast schon automatisierte
Schlussfolgerung. Und sicherlich ist das Bedürfnis nach Sicherheit auch
angesprochen, wenn wir Angst verspüren. Ich glaube aber, dass wir die
eigentliche Botschaft, die hinter der Angst steht verpassen, wenn wir beim
Bedürfnis nach Sicherheit stecken bleiben. Wenn wir bei jedem Auftreten
von Angst nur unsere Sicherungseinrichtungen verstärken, bauen wir uns
unweigerlich unser eigenes Gefängnis. Wir schützen uns damit manchmal
davor, für einen gewissen Zeitraum die Angst wirklich spüren zu müssen und
bezahlen dafür letztlich einen hohen Preis. Die Angst vor der Angst
bestimmt weite Bereiche unseres Lebens, die Angst hat uns und nicht wir
die Angst.
Wenn wir die Angst wieder in Besitz nehmen, dann passiert etwas ganz
anderes. Wir lassen die Angst zu und versuchen nicht, uns vor ihr zu
verstecken. Wir schauen ihr ins Auge und gehen weiter. Langsam, Schritt
für Schritt, vor und manchmal auch zurück ohne unser Bedürfnis nach
Sicherheit zu überfordern. Angst weist uns den Weg aus unserer begrenzten
Komfortzone in den offenen und freien Raum, in dem wir uns entfalten
können. "Unser Ängste sind die Drachen, die unsere größten Schätze
bewachsen" sagt Rilke und trifft damit den zentralen Punkt. Angst tritt
immer dann auf, wenn wir an unsere Grenzen stoßen. Angst ist immer auch
eine Einladung zum Wachstum. Da wo Angst ist, gibt es also meist auch ein
Bedürfnis nach Wachstum, Ehrlichkeit, Vertrauen und manches mehr.
Für einen solchen Umgang mit Angst braucht es Mut, den ich nicht als
die Abwesenheit von Angst sehe, sondern die Entscheidung, dass es
Wichtigeres gibt als die Angst. Mut kann also auch trainiert werden, indem
ich mir immer wieder bewusst mache, was mir wichtig ist im Leben. Und
indem ich immer wieder Kribbelschritte gehe: Schritte, die größer sind als
bequem und kleiner als bedrohlich. |

© Rainer Sturm/
pixelio:
Detail einer Sandskulptur auf dem Sandskulpturenfestival in Rorschach,
Schweiz, am Bodensee 2009
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