Gewalt als Krankheit
Er schlägt vor, Gewalt nicht als moralisches Problem zu betrachten,
sondern mit der gleichen Brille, mit der wir eine Krankheit oder Seuche
betrachten. Dass dies Sinn macht zeigt die nebenstehende
"offizielle" Definition von Krankheit. Wie unterscheidet sich
unser Umgang mit Krankheit von unserem Umgang mit Gewalt?
1) Krankheiten werden behandelt, nicht bestraft
Wie gehen wir mit Kranken um? Wir kümmern uns um sie, wir versuchen,
sie zu heilen, wir verwenden viel Energie und unsere bestausgebildeten
Eliten - die Ärzte - auf ihre Wiederherstellung. Und wie sieht es aus bei
einer ansteckenden gefährlichen Krankheit? Wir bringen die Menschen in
Quarantäne. Aber nur wenige verbinden diesen Freiheitsentzug mit einem
Konzept von Schuld. Dabei kann ein Mensch mit einer hochansteckenden,
lebensgefährlichen Krankheit mehr Menschen den Tod bringen als die
meisten Mörder dies jemals taten.
2) Wir suchen nach den Ursachen der Krankheit
Treten neue Krankheiten auf, so versuchen wir mit erheblichem
weltweiten Aufwand die Ursachen herauszufinden. Eine Krankheit, deren
Ursachen wir nicht kennen, ist besonders beunruhigend. Beim Umgang mit dem
Phänomen Gewalt verhält es sich völlig anders: Erstaunlicherweise
besitzen wir einen riesigen Apparat, der sich mit
Bestrafung befasst, aber nur Wenige, die sich mit den Ursachen von Gewalt
auseinandersetzen. Gilligan hat dies getan und zwar auf individuellen und
der gesellschaftlichen Ebene. Hier seine zentralen Thesen.
Die individuelle Ebene: Gewalt als Möglichkeit Stärke und Respekt zu
spüren
Scham und die Suche nach Respekt stehen hinter den meisten
Gewaltverbrechen so die These Gilligans. Ich würde es so formulieren:
Ausgangspunkt für Wut und aggressives Verhalten ist oft der Eindruck,
dass unsere Würde verletzt wird, dass wir nicht respektiert werden, als
wertlos betrachtet werden.
Machen Sie doch einfach einmal selbst den Test: Erinnern Sie sich an
eine Situation, in der sie außerordentlich wütend waren. Und jetzt
spüren Sie nach: Gab es da ein Gefühl von Peinlichkeit, gab es da einen
Satz wie "Der respektiert mich nicht, nimmt mich nicht ernst",
"der behandelt mich wie ein Stück Scheiße", ein Gefühl von
Ohnmacht und Hilflosigkeit?
Bei mir war die Trefferquote 100%. Aggressives Verhalten entspringt in
der Regel nicht einem tief empfundenen Selbstbewusstsein, einem Gefühl
von Stärke, sondern aus einem Gefühl der Verletztheit heraus.
Gilligan findet dieses Muster bei allen Gewaltverbrechern, mit denen er
gearbeitet hat. Und schauen Sie sich die Debatte um Georg Bush im
drohenden Irakkrieg an. Da heißt es, der Krieg ist unvermeidlich, weil
für Bush der Verzicht auf einen Krieg einen Gesichtsverlust bedeuten
würde. Das Wahren des "eigenen Gesichts" scheint für viele in
der öffentlichen Debatte so zentral zu sein, dass sie glauben, Bush
würde allein schon aus diesem Grund den Tod von Tausenden von Menschen in
Kauf nehmen.
Aber der Kreislauf von Demütigung und Gewalt taucht auch schon in der
Bibel in der Geschichte von Kain und Abel auf. Im Buch Mose 4 ist zu lesen:
Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem
HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte
von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah
gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht
gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da
sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen
Blick? Ist's nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick
erheben. ... Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld
gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain
wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.
Das Ausschlagen eines Geschenkes gilt in vielen Kulturen als besonders
krasse Demütigung. Aber nicht genug damit, Gott begegnet Kains Gefühlen
von Trauer und Wut auch noch mit der Moralkeule.
Gehen wir wieder mehr in unsere Zeit, so gibt es eine große Anzahl von
Untersuchung, die den Zusammenhang von Verletzung, Demütigung und Zwang
auf der einen Seite und Aggression auf der anderen Seite belegen. Die
Verletzung der Ehre, männliche Ehre, Familienehre gelten in vielen
Kulturen auch heute noch ganz offen als ausreichender Grund für
Familienfehden und Morde.
Weitere individuelle Hintergründe von Gewalt
Mit Hilfe von Gewalt wird Respekt von der anderen Person gefordert,
Angst wird zum Ersatz für echten Respekt.
Aber jeder von uns kennt die Gefühle von Scham, hatte schon einmal den
Eindruck gedemütigt zu werden und wir begehen nicht gleich
Gewaltverbrechen. Und auch die schlimmsten Gewaltverbrecher, sind die
meiste Zeit über friedlich. Dies zeigt, dass es noch weitere
Vorraussetzungen braucht, damit aus einer Demütigung ein Gewaltakt
entsteht. In seinem Umgang mit Gewaltverbrechern fand Gilligan v. a. zwei
wichtige weitere Merkmale:
1) Diese Menschen hatten die Fähigkeit zur Empathie, Liebe und
Verantwortung für andere nicht entwickelt. Noch nicht einmal der
Selbstschutzmechanismus Angst war entwickelt. Den Grund dafür sieht
Gilligan in schweren Misshandlungen in der Kindheit. Alle
Gewaltverbrecher, mit denen Gilligan zu tun hatte, waren schweren
körperlichen und/oder psychischen Misshandlungen in der Kindheit
ausgesetzt.
2) Die Menschen, die zu Gewalt greifen, hatten in ihrem Empfinden,
keine andere Möglichkeit, um ihre Selbstachtung wiederherzustellen.
Solche Möglichkeiten wären ein angesehener Beruf oder Schulabschluß,
besondere künstlerische oder sportliche Fähigkeiten, die Übernahme von
Ehrenämtern etc. Es
ist auffällig, dass der weitaus größte Teil der Gefängnisinsassen aus
sogenannten sozial schwachen Verhältnissen stammt, Minderheiten angehört,
keinen oder einen sehr geringen Schulabschluss aufweist etc.
Die gesellschaftliche Ebene: Strukturelle Ursachen von Gewalt
Doch Gewalt hat nicht nur individuelle Hintergründe, sondern auch
gesellschaftlich-strukturelle. Hier findet Gilligan folgende Zusammenhänge:
1) Je größer die soziale Ungleichheit desto größer ist die
Gewaltrate
Dieser Zusammenhang findet sich sowohl im Ländervergleich als auch im
zeitlichen Vergleich und für verschiedenste Maßzahlen. Soziale
Ungleichheit ist der deutlichste Prädiktor für die Gewaltrate. Dabei
geht es tatsächlich um die Unterschiede zwischen arm und reich, nicht um
die das mittlere Einkommen oder ähnliches.
2) Männliche Jugendliche und junge Männer sind besonders oft in
Gewalttaten verwickelt
Dieses weithin bekannte Phänomen bringt Gilligan damit in
Zusammenhang, dass in dieser Gruppe das Selbstwertgefühl besonders
schwach ist und gleichzeitig besonders gefährdet. Möglichkeiten, sich
ohne Gewalt ein Selbstwertgefühl aufzubauen sind besonders rar.
Außerdem wird in unserer Gesellschaft Gewalt immer noch als ein Beweis
von Männlichkeit gesehen. Die Menschen, die besonders stark in Gewalt
involviert sind - die Soldaten - werden als Helden gefeiert.
Die Krankheit Gewalt verhindern und behandeln
Doch wie kann die Krankheit Gewalt verhindert oder behandelt werden.
Wie in der Sozialmedizin, üblich unterscheidet Gilligan primäre,
sekundäre und tertiäre Prävention. Es ist dabei eine Binsenweisheit,
dass primäre Prävention sehr viel kostengünstiger und wirkungsvoller
ist als sekundäre. Hier ein kurzer Überblick über die verschiedenen
Ebenen von Prävention:
1) Die Ursachen ausschalten - wie schaffen wir weniger gewaltvolle
Gesellschaften (Primärprävention)?
Hier geht es darum, die Gesellschaft so zu strukturieren, dass die
Ursachen von Gewalt beseitigt werden. Grundlage hierfür ist eine zentrale Einsicht:
Wir müssen erkennen, dass die einzige Basis, auf der wir
gewaltfrei zusammenleben können, ein Basis gegenseitigen Respekts ist.
Eines Respekts, der so tief und ohne Vorbedingungen ist, dass er nicht von
Verdiensten oder Verhalten abhängt. Es ist vielmehr ein Respekt für
menschliche Würde, für die Unverletzbarkeit der menschlichen Seele und
Persönlichkeit und der Wille, niemanden zu beschämen ...
James Gilligan
Wie das geht, ergibt sich direkt aus dem Kapitel zu den Ursachen
von Gewalt: Die Unterschiede zwischen Arm und Reich verhindern, soziale
Absicherung schaffen bzw. bewahren ... Gilligans Buch ist aus deutscher
Sicht ein leidenschaftliches Plädoyer für die Erhaltung der
Sozialstaatlichen Errungenschaften und gegen eine weitere Amerikanisierung
des Gesellschaftsaufbaus.
Dass es möglich ist, mehr und weniger gewaltsame Gesellschaften zu
schaffen, zeigen der internationale Vergleich verschiedener Staaten. Das
Beispiel Schweden zeigt, dass die Umwandlung einer gewaltbasierten Kultur
- die der Wikinger - zu einer friedliebenden Kultur in wenigen
Generationen vonstatten gehen kann.
Die Möglichkeiten, eine gewaltarme Gesellschaft zu schaffen, werden
zudem sehr deutlich, wenn man sich z. B. primitive christliche
Gemeinschaften ansieht. Bei den Hutterern z. B. gab es in 100 Jahren nicht
einen einzigen Mord oder Tötungsfall. Von solchen Beispielen lernen
heißt nicht kopieren, es heißt, die positiven Ansätze in unsere
Gesellschaften zu integrieren.
2) Maßnahmen für Risikopatienten (Sekundärprävention)
"Die wirkungsvollste Hilfe, die wir Opfern geben
können, ist, zu verhindern, dass Sie überhaupt zu Opfern werden"
James Gilligan
Einem erhöhten Risiko, gewalttätig zu werden, sind v. a. Personen
ausgesetzt, auf die mehrere der folgenden Punkte zutreffen:
- arm
- Kinder Alleinerziehender
- männlich und im Alter zwischen 13 und 25
- Opfer von Gewalt und Missbrauch
- geringer Bildungsstand
|