Ohnmächtige Wut und wütende Ohnmacht -
Trauma als Gesellschaftliches Phänomen
Eine Reflexion zum Thema auf der Basis von Steven Wineman
"Power under"
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Dieser Artikel ist inspiriert von dem Buch "Power under" von Steven
Wineman, kostenlos als pdf erhältlich unter
www.TraumaAndNonviolence.com.
Viele Passagen stammen direkt aus dem Buch oder sind
Zusammenfassungen von Abschnitten. Hinzu kommen persönliche Kommentare und
Informationen aus anderen Quellen. Die Quellen sind jeweils kenntlich
gemacht und im Litaraturverzeichnis vermerkt. Zitate aus Wineman enthalten
nur die Seitenzahlen von Power under als Verweis. Dieser Artikel ist eine
subjektive Zusammenstellung und erhebt nicht den Anspruch auf
Vollständigkeit, wissenschaftliche Exaktheit oder ähnliches.
Zusammenfassung und persönliche Vorbemerkung
Trauma habe ich lange als eine relativ seltene Erscheinung betrachtet,
die Einzelschicksale stark prägt, aber mit mir und unserer
gesellschaftlichen Relalität wenig zu tun hat. Steven Wineman eröffnete mir mit seinem Buch
"Power under" eine radikal andere Sichtweise . Er betrachtet Trauma
als eine Grunderfahrung in unserer Gesellschaft und posttraumatische
Reaktionen bzw. „Trauma-Reenact-ment" als
wesentliche Mechanismen zur Aufrechterhaltung von Machtmissbrauch und Gewalt
in unserer Gesellschaft.
Die Argumentation in der Kurzform verläuft dabei
ungefähr wie folgt: Traumati-sierung ist ein weit verbreitetes Phänomen in
einer Gesellschaft, die auf Herrschaft und ungleiche Machtverteilung
aufgebaut ist. Dabei wirken auch Ausgrenzung, Wilkürakte, u.ä. als
traumatisierend. Traumatisierte Personen werden in bestimmten Situationen
wieder an Ihre Erlebnisse erinnert, sie agieren dann aus einer inneren
Machtlosigkeit heraus oft sehr heftig. Trotz dieser subjektiven
Machtlosigkeit können die Personen in der realen Situation aber sehr wohl
die Macht haben, anderen das Leben zur Hölle zu machen. Sie sind wie Ertrinkende, die im verzweifelten
Kampf ums Überleben um sich schlagen. Dass dieses Um sich schlagen für
andere Menschen sehr schmerzhaft sein kann, wird dem Ertrinkenden nicht
bewusst.
Wineman zeigt, dass viele Gewalt (physische wie
psychische) aus einer inneren Haltung der Machtlosigkeit geschieht. Damit
wird die eigene Traumaerfahrung und die damit verbundene subjektive
Machtlosigkeit zu einem wichtigen Faktor im Kreislauf, der die herrschenden
Gewaltbeziehungen aufrechterhält.
Eine Schlüsselstelle in dem Buch ist für mich Winemans
Beschreibung über seine eigene Trauma-Wiederholung. Diese Beschreibung
klingt wie eine Beobachtung meiner Selbst in Situationen höchster Not und
Einsamkeit und stimmt mit meinem Erleben bis in kleinste Einzelheiten
überein. Mittlerweile habe ich heraus gefunden, dass viele Männer sich
ebenfalls in der weiter unten zitierten Beschreibung des Gefühlszustandes wieder
finden. Ich habe mich immer wieder gewundert, dass ich in bestimmten
Situationen so unverständlich für mich selbst reagiere. Betrachte ich das
Ganze als Trauma-Wiederholung, so bekommt dieses Verhalten einen Sinn.
All diese Punkte sollen in diesem kurzen Artikel noch
ausführlicher dargestellt werden. Doch zunächst möchte ich einen Blick auf
die Definitionen werfen.
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Definition und verschiedene Formen von Trauma
In Wikipedia heißt es "Ein Psychotrauma ist eine
seelische Wunde, die auf ein traumatisierendes Ereignis oder deren mehrere
zurückgeht, bei dem im Zustand von extremer Angst und Hilflosigkeit die
Verarbeitungsmöglichkeiten des Individuums überfordert waren."
Während manche Menschen Traumata weitgehend
bearbeiten, kommt es bei anderen zu so genannten "posttraumatischen
Belastungsstörungen", die gekenn-zeichnet sind durch Intrusionen (z. B.
Flash backs), Vermeidung (von Situationen aber auch Gefühlen) und
Übererregung. Wineman interessieren vor allem die Situationen in denen
Menschen verbunden mit ihrem Traumaerlebnis sind und unbewusst übererregt
reagieren. Dazu unterscheidet er vor allem den ohnmächti-gen Zorn (powerless
rage) und den völligen emotionalen Rückzug. Beide treten häufig eng
verbunden auf.
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Trauma
als Begleiterscheinung einer auf Ungleichheit aufgebauten Gesellschaft
In der Öffentlichkeit werden v. a. sexueller und
körperlicher Missbrauch sowie Kriegserfahrungen als traumaauslösende
Ereignisse wahrgenommen. Wineman weist darauf hin, dass es nicht nur die
unvorstellbaren Grausamkeiten des Krieges, sexueller Misshandlung oder
brutaler Gewaltanwendung sind, die traumatische Folgen hervorrufen. Viel
mehr besteht immer dann die Gefahr der Traumatisierung, wenn ich mit einer
übermächtigen Gewalt in Kontakt komme und nicht mit meinen natürlichen
Reaktionen Flucht oder Kampf reagieren kann. Und solche Gelegen-heiten
bietet das Aufwachsen und Leben in unserer Gesellschaft reichlich:
1)
Immer noch wird ein erheblicher Teil der Kinder im Elternhaus
geschlagen bis hin zum Missbrauch. Hinzu kommt die Anwendung psychischer
Gewalt in Form von Beschämung und Herabsetzung. In den USA haben nach
einer Gallup-Umfrage innerhalb eines Jahres 94% der Eltern von 4-5
jährigen ihr Kind mindestens einmal geschlagen. Nicht erfasst sind dabei
die Zahlen seelischer Grausamkeiten. Mehr zu konkreten Zahlen bei Wineman S.
39ff
2)
Sexueller Missbrauch von Mädchen, Jungen und Frauen ist immer noch
ein weit verbreitetes Phänomen. Hinzu kommen Gewalterfahrungen auf der
Straße ohne sexuelle Komponenten. Entsprechende Zahlen finden sich bei Wineman S. 35 ff.
3)
Viele Kinder sind Zeugen mehr oder weniger deutlicher physischer und/oder psychischer
Gewalt zwischen ihren Eltern. Gerade kleine Kinder erleben dies als
unmittelbare Bedrohung ihrer selbst, ohne,dass sie Wege finden, wie sie
handeln könnten.
4)
In der Schule nimmt psychische und physische Gewalt unter
Mitschülern ein enormes Ausmaß an. Ausgrenzung Einzelner ist so häufig,
dass es von vielen als „normal“ gesehen wird. „So sind die Kinder
eben!“ „Das gehört zum Aufwachsen dazu, da muss man durch als Kind“. Solche
Äußerungen begegnen mir immer wieder. Gerade unter Jungs erlebe ich die
Angst vor Ausgrenzung und vor dem Ausgelachtwerden schon in der
Grundschule als einen bestimmenden Faktor des Schulalltags. Wenn man
genauer hinsieht wird man bemerken wie massiv die verbalen und
körperlichen Übergriffe der Kinder unter einander sind.
5)
Auch in der Arbeitswelt und in Vereinen wird Nichtanpassung häufig mit
Aus-schluss geahndet. Die Angst vor diesem Ausschluss ist auch in diesen
Zusammenhängen häufig deutlich vorhanden.
6)
Erst in jüngerer Zeit beginnt die Diskussion über die traumatisierende
Wirkung von Kriegen auch für diejenigen, die nicht unmittelbar von
Kampfhandlungen betroffen sind. Nach dem Weltkrieg und der fürchterlichen
Diktatur mit unend-lich viel direkter und indirekter Gewaltanwendung, war
Trauma so universell, dass es überhaupt nicht zum Thema werden konnte. "Wo
alle traumatisiert sind, ist Trauma kein Thema", sagt der Psychotraumatologe Gottfried Fischer. Bezieht man mit ein, dass die
Bearbeitung eines Traumas häufig mehr als eine Generation erfordert, so
wird deutlich, dass auch noch die Kriegsfolgen in unserer Gesellschaft
spürbar sind.
7) Wineman vertritt die Auffassung
"Unterdrückung ist generell traumatisierend". Und von Aurora Levins
Morales stammt das Zitat "Missbrauch ist der lokale Ausbruch
systematischer Unterdrückung und Unterdrückung ist die Anhäufung von
Millionen kleiner systematischer Missbräuche". Damit wird auch
die Ausgrenzung von Minderheiten wie z. B. Ausländern oder "sozial
schwachen Schichten" zu einem an sich traumatisierenden Faktor für die
Betroffenen.
8)
Wie normal Gewalt und Gewaltanwendung ist, erkennt man nicht zuletzt auch
am alltäglichen Fernsehprogramm. Schlägereien, Schießereien ... gehören zu
einem guten Film einfach dazu.
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Wenn wir all diese und weitere Faktoren zusammen nehmen, wird deutlich,
dass in unserer Gesellschaft massive Gewalterfahrung sehr weit verbreitet
sind. Damit wird Trauma und die dazu gehörigen Folgen zu einem
gesellschaftlichen Phänomen. Das Ausmaß, in dem Menschen diesen
Erfahrungen ausgesetzt sind und die indi-viduelle Verarbeitung variieren
allerdings erheblich. Deshalb gibt es auch nicht "das Trauma", sondern
sehr stark unterschiedliche Grade von Trauma.
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Traumafolgen
"Traumatische Reaktionen stellen sich dann
ein, wenn ein aktives Handeln nicht erreichbar ist. Wenn weder Widerstand
noch Flucht möglich sind, wird das menschliche Selbstverteidigungssystem
überwältigt und unorganisiert. Jede Komponente der normalen Reaktion auf
Gefahren verliert ihren Nutzen und tendiert dazu, in einer veränderten und
übersteigerten Form zu überdauern - auch lange nachdem die aktuelle Gefahr
vorüber ist. Das Ergebnis können Symptome des traumatischen Stresses sein
wie ernsthaft überhöhte level von Erregung und Wachsamkeit, gefühlsmäßige
Taubheit oder Dissoziation, Unterbrechungen in der Erinnerung an das
traumatische Ereignis sowie psychologische und emotionale Fragmentierung.
Traumatische Symptome haben eine Tendenz die Verbindung zu ihrer eigenen
Quelle zu verlieren und ein Eigenleben anzunehmen. ... Trauma reist ein
komplexes System der Selbstvertreidigung auseinander, das normalerweise
zusammen arbeitet. ... Machtlosigkeit steht [dabei] im Herzen der
traumatischen Erfahrung. Bessel van der Kolk und Alexander McFarlane
bemerken, dass 'das kritische Element, das ein Ereignis traumatisierend
wirken lässt, die subjektive Einschätzung der Opfer darüber ist, wie
bedroht und hilflos sie sich fühlen.' Und weiter, eine unserer zentralen
Reaktionen, wenn .... es subjektiv unmöglich er-scheint, zu kämpfen oder zu
fliehen, ist die... Konstriktion oder das Einfrieren [freezing]. Herman
[s. Literatur] beobachtet: "wenn eine Person völlig machtlos ist, und jede
Form von Widerstand zwecklos ist, dann kann sie in einen Zustand der
Kapitulation gehen. Das System der Selbstverteidigung bricht komplett
zusammen.-Die hilflose Person entrinnt der Situation nicht durch Handeln
in der realen Welt, sondern indem sie ihren Bewußtheitszustand
verändert.... [Levine] beschreibt das Einfrieren als eine instinktive
"letzte Option" , die dann ergriffen wird, "wenn Kampf- und
Fluchtreaktionen verhindert werden. ... Die Energie, die in Flucht oder
Kampf geflossen wäre, wird bei der Konstriktion im Nervensystem gebunden.
In diesem emotionalen und angstvollen Zustand explodiert die frustrierte
Kampfreaktion in Wut; die frustrierte Fluchtreaktion weicht der
Hilflosigkeit."" (S. 51).
Werden die
Traumaerlebnisse später aktiviert, ist dies mit extrem intensiven Erleben
dieser Gefühle von Ohnmacht und Wut verbunden. Beim Reenactment kommt es zu zwei scheinbar
gegensätzlichen Handlungstendenzen: Der ohnmächtigen Wut, die ausbricht
und Raum greift und dem völligen Zurückziehen in wütender Ohn-macht - dem
völligen Abschneiden von den eigenen Gefühlen. Beide Tendenzen wurzeln im
übermächtigen Schutzbedürfnis und auch hinter der scheinbaren
Zurückgezogenheit steckt die unausgedrückte Wut, der Zorn als treibende
Kraft .
Es gibt eine wachsende Menge von Forschungen,
die darauf hindeutet, dass Trauma signifikante und zerstörerische
biochemische Auswirkungen auf das Gehirn hat, insbesondere auf die
Fähigkeit des Gehirn, traumatische Ereignisse zu verarbeiten." (S, 51f)
Dabei kommt es nach Daniel Goleman wohl zu einer Über-lastung des
Reptiliengehirns. Das Gefühl von Hilflosigkeit ist dabei wohl immer wieder
der zentrale Auslöser.
Traum löst also häufig heftige emotionale
Reaktionen auch in späteren Lebens-phasen aus. Paradoxerweise führt Trauma
häufig auch zu Dissoziation und Fühllosigkeit und Vergessen. Das
Unbearbeitbare wird abgespalten und vergessen und dadurch "gelöst". Mit
dem Abspalten des Teils der das Trauma erlebt hat, spalten wir auch einen
wichtigen Teil von uns selbst ab, kein Wunder, dass viele traumatisierte
Menschen auch noch lange Zeit nach den Ereignissen davon sprechen, dass
ein Teil ihrer selbst gestorben ist.
Typische für
posttraumatische Belastungen ist nach Herman ein "oszillierender
Rhythmus"
zwischen Phasen intensiven Wiederdurchlebens traumatischer Erfah-rungen und
Phasen der Taubheit, der Verleugnung und des Vergessens. Diese Dialektik
bezeichnet Herman als "das vielleicht charakteristischste Kennzeichen des
post-traumatischen Syndroms" und weiter "die traumatisierte Person ist
gefangen zwischen den Extremen des Gedächtnisverlustes und dem Wiederdurchleben des Traumas, zwischen einer Flut intensiver,
überwältigender Gefühle und wüsten-artigen Zuständen, in denen es überhaupt
keine Gefühle gibt, zwischen irritieren-dem, impulsiven Handelns und
völliger Handlungshemmung" (Herman, S. 47).
Abschließend zu diesem Kapitel ist es mir
wichtig, darauf hinzuweisen, dass viele Menschen, die ein Trauma mit sich
herum tragen, die meiste Zeit ihres Lebens sehr wohl klar gestalten,
Freude am Leben entwickeln, liebevolle Beziehungen haben, lachen und
weinen und mehr oder weniger verlässliche Partner sind wie andere eben
auch. Die Folgen des Traumas beherrschen bei weitem nicht immer das ganze
Leben, sondern sind ein Aspekt unter vielen anderen. |
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Praktisches Beispiel von Traumareenactment
Winemans liefert eine mir sehr nahe gehende Beschreibung der Momente, in
denen seine Traumata reaktiviert werden. Wie bereits formuliert, erkenne
ich mein Verhal-ten in Phasen großer Not darin sehr exakt wieder. Deshalb möchte ich hier die Be-schreibung ungekürzt wiedergeben.
"Eine meiner Reaktionen auf bestimmte Auslöser ist der
emotionale Rückzug. In der milderen Form dieses Musters werde ich kalt,
schroff und distanziert. In extremeren Formen gehe ich in einen Zustand
der Versteinerung, in dem ich die Kommunikation für eine Stunde oder
länger völlig einstelle. Dies passiert fast ausschließlich in ver-trauten
Partnerschaften. Der Auslöser kann Teil eines überall vorhandenen
Partner-schaftsproblems sein. Es kann aber genauso ein scheinbar trivialer
Kommentar oder eine Geste sein, die mich überrascht und mich angegriffen
und verraten fühlen lässt. Meine subjektive Wahrnehmung in diesem Zustand
ist, dass die Situation unmöglich ist und ich nichts tun kann, um sie
besser zu machen. Nichts, was ich sagen könnte, hätte eine Chance von der
anderen Person so verstanden zu werden wie ich es wirklich gemeint hatte.
Und es zu sagen würde auch nicht helfen, die Situation zu lösen, weil es
ein Ausdruck von Verzweiflung wäre. Es gibt keine Möglichkeit für mich,
meine unerträglichen Gefühle auszudrücken. Ich habe den körperlichen
Eindruck einer unglaublichen Schwere, was jede physische Aktion ebenso
unmöglich erscheinen lässt.
Unterdessen rast mein Hirn mit Gedanken, die sich endlos
im Kreis drehen und nirgendwohin führen. Ich fühle mich völlig
niedergedrückt und bewegungslos durch meine Gedanken, meine körperliche
Schwere und meinen Eindruck, völlig allein auf der Welt zu sein. Alles was
ich will, ist allein gelassen werden. Und gleichzeitig sehne ich mich
verzweifelt nach Verständnis und Linderung. Doch ich weiß: das ist
unmöglich. Ich möchte verschwinden. Das scheint die einzig mögliche Lösung
für meine Situation zu sein und in manchen Fällen führt dies zu
zielgerichteteren Gedanken und Gefühlen, die sich um den Wunsch zu sterben
drehen. Aber weil ich ja weiß, dass ich nicht entsprechend dieser
Selbstmordgedanken handeln werde, führt dies zu zurück zu einer neuen
Spirale im Kreislauf der Vergeblichkeit.
Üblicherweise bin bin ich nicht bewusst wütend in Mitten
dieses Steinartigen Zu-stands. Aber später, wenn ich es geschafft habe aus
dieser gelähmten Situation heraus zu kommen, wird mir klar, dass das
auslösende Ereignis mich unglaublich wütend gemacht hat. Mein Zorn, dem
ich nicht Luft machen konnte, nicht aus-drücken konnte, stand im Zentrum
meiner unerträglichen Gefühle, meiner körper-lichen Schwere, meiner
Lähmung. In diesen traumatischen Stadien bedinde ich mich in einer
Implosion.
Das Ergebnis meines steinernen Rückzugs ist, dass die
andere Person völlig hilflos zurück bleibt. Es gibt absolut nichts, was
sie sagen oder tun könnte mit mir. Fragen bleiben unbeantwortet; auf
Aussagen wird nicht reagiert; Versuche, sich mir mit Freundlichkeit und
Sorge zu nähern, werden schweigend zurück gewiesen; der Ausdruck von
Frustration und Ärger von Seiten der anderen Person treibt mich nur noch
weiter weg. ...Nichts davon ist meine bewusste Absicht. Im Würgegriff der
inneren Kräfte, die weit jenseits meiner Kontrolle sind, bin ich schlicht
nicht in der Lage, etwas anderes zu tun als das, was ich tue. Meine
Hilflosigkeit wird so zur Hilflosigkeit meiner Partnerin."
Die Folgen eines solch "unangemessenen" Verhaltens für eine Beziehung
sind ein-fach auszumalen.
Die "Alternative" zu diesem Rückzug ist ein unkontrollierter Ausbruch
von Wut, das um sich schlagen des Ertrinkenden. Auch hier ist die
Heftigkeit der Reaktion von außen nicht nachvollziehbar. |
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Auslöser für Trauma-Wiedererleben
Auslöser können innerlich sein (z. B. Alpträume, Erinnerungen,
körperlicher Schmerz). sie können sich auch auf einen Ort beziehen oder
einen Aspekt der Umgebung, die an den Ort erinnern, an dem sich das Trauma
ereignete. Aber sie sind ebenso häufig zwischenmenschlich und
beziehungsbezogen sein. Kommen-tare, Gesten oder ein Übersehen, das dazu
führt, dass wir und nicht respektiert, herum kommandiert, nicht beachtet
fühlen, können die volle Stärke des historischen Missbrauchs wach rufen.
Ungewollte körperliche Berührung kann ein besonders starker Auslöser sein.
...
Typischerweise gibt es viele Bereiche im Leben eines [Trauma-]Überlebenden,
wo sie/er sich vollkommen über die Handlungsmöglichkeiten bewußt ist und
in der Lage effektiv zu agieren. Die subjektive Machtlosigkeit bleibt auf
einer tieferen Ebene der psychologischen und emotionalen Wirklichkeit
gespeichert. Bei einem entsprechen-den Auslöser bricht sie an die
Oberfläche und zieht uns gleichzeitig nach unten zu der tieferen Ebene, wo
wir so sogfältig versucht haben, unser Trauma zu begraben. Und dann
schmilzt die Macht und Handlungsfähigkeit, von der wir wissen, dass wir
sie im Alltag haben. Wieder passiert uns außen etwas, das wir als
zutiefst unfair erfahren, als völlig falsch, etwas, das das Leben
plötzlich unerträglich macht. In uns drin werden Gefühl freigesetzt, die
wir vielleicht noch nicht einmal benennen können, die von einem unsagbaren
Ort in uns kommen - einem Ort des Schreckens. Diese Gefühle führen dazu,
dass wir schreien wollen, Dinge zerstören und auf die Person einschlagen
wollen, die dies verursacht hat. Oder uns selbst verletzen. Oder
verschwinden. In einem Moment schwimmen wir, im nächsten sind wir am
Ertrinken." (S. 63) |
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Power under - die gesellschaftlichen Folgen der Traumatisierung
Während wir im Zustand des Trauma-Reenactments subjektiv machtlos sind,
können wir von Außen betrachtet "objektiv" durchaus über Macht verfügen.
Wir sind nicht mehr das kleine Kind, das den Eltern oder Mitschülern
ausgeliefert ist. Trotz-dem verhalten wir uns in diesen Situationen als
wären wir machtlos. Unsere Hand-lungen werden getrieben von dieser
subjektiven Machtlosigkeit. Wir sind verbunden mit der Erfahrung, die zur
Traumatisierung geführt hat. Wir sind so stark damit verbunden, dass wir
gegenüber den Folgen unserer Handlungen blind werden. Wir sind uns unserer
Macht, unserer Einflussmöglichkeiten und damit auch der Folgen unserer
Handlungen nicht bewusst. Vor allem sehen wir keine Alternativen, da wir
ja in unserem eigenen Empfinden völlig mit dem Rücken zur Wand stehen.
Dieses Phänomen der subjektiven Machtlosigkeit in Situationen mit
objektiver Macht bezeichnet Wineman als "Power under". Um es mit seinen
Worten auszudrücken:
"Der Ausdruck von ohnmächtiger Wut ist wie das um sich schlagen eines
Ertrinken-den. Der [Trauma-]Überlebende, der sein Trauma wieder erlebt, ist
gefangen in einem verzweifelten Kampf um das Überleben. Jemand in solch
einer Lage, kann wahrscheinlich die Auswirkungen seiner Handlungen auf
Andere nicht ermessen. Für jemanden, der sich ohnmächtig und zutiefst
schickaniert fühlt, ist es typischer-weise nicht vorstellbar, dass er führ
Andere irgend eine Gefahr oder Bedrohung darstellen könnte. Aber das Um
sich schlagen eines Ertrinkenden ist für jeden gefährlich, der sich ihm
nähert und ebenso kann die Wut eines Traumaopfers gefährlich sein. Die
Ironie besteht darin, dass jemand, der aus einer scheinbaren inneren
Machtlosigkeit heraus handelt eine enorme mächtige Wirkung auf jeden haben
kann, dem er begegnet. Das ist die Dynamik, die ich "power-under (Macht
unter)" nenne." (S. 65)
Ich bin überzeugt, dass häufig hinter scheinbar besonders machtvollem
Handeln eine subjektive Machtlosigkeit steht. So entsteht ein
Teufelskreis: Die eigene subjektive Machtlosigkeit führt uns zu
"gewalttätigen" Handlungen, die von anderen als traumatisierend erlebt
werden, die dann wieder in Machtpositionen aus subjek-tiver Machtlosigkeit
handeln .... Trauma ist damit sowohl Ergebnis als auch Ursache von
Brutalität und ein wesentlicher Faktor bei der Aufrechterhaltung
gegenwärtiger Praktiken der Machtausübung.
Darüber hinaus macht das enorme Schutzbedürfnis traumatisierter
Menschen leicht anfällig für
Parolen, die äußere Sicherheit durch autoritäre Strukturen versprechen.
Die auffällige Hinwendung zu Georg Bush und seinen Heilsversprechungen
nach dem 11. September 2001 ist nur eines von vielen Beispielen.
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Beispiele für Power under
Wineman schildert ausführlich Beispiele für die Kombination von
subjektiver Macht-losigkeit und dem Ausleben als ohnmächtige Wut in
objektiv machtvollen Situatio-nen. Eines der Beispiele ist der Psychologe
und Schulleiter Bruno Bettelheim, der trotz gegensätzlicher Überzeugung
immer wieder Kinder schlug und schwer miss-handelte.
Power under-Phänomene nimmt Wineman auch bei vielen Gewalttätern an. Es
ist mittlerweile ein Allgemeinplatz, dass Gewalttäter sehr häufig selbst
enorme Gewalt erfahren haben. Schläge produzieren Schläger. Interessant
sind Studien, die Wineman zitiert, aus denen deutlich wird, dass sich
selbst Männer, die massiv ihre Ehefrauen schlagen, häufig als völlig
hilflos erfahren und subjektiv als Opfer agieren. Für die Folgen der
ohnmächtigen Wut, die dann wie ein Vulkan ausbricht, haben sie kaum eine
Wahrnehmung. (S. 79f). So schreiben Jacobsen und Gottman über einen Mann,
der regelmäßig seine Frau massiv schlug. "Im Gegensatz zu seiner
offen-sichtlichen Gewalttätigkeit and Grausamkeit, die wir beobachteten,
handelte er wie ein Opfer, das selbst geschlagen wird und wir glauben, so
sah er sich selbst. ... [Der Mann] fühlte sich im Gefolge seines Ausbruchs
so hilflos, dass er sich nicht als verantwortlich für sein Handeln
betrachtete."
(S. 79).Insgesamt agierten 80 % der schlagenden Männer in der Studie von
Jacobsen & Gottman aus der
subjektiven Opferrolle heraus. |
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Power under und Traumfolgen in sozialen Bewegungen
Auch im Bereich der sozialen
Bewegungen sieht Wineman Power-under und die Folgen Trauma in Aktion.
Viele soziale Bewegungen bauen letztendlich auf einem individuellen
Gefühl der Machtlosigkeit auf. Gleichzeitig bilden sich innerhalb der
Bewegungen und nach außen hin sehr wohl Machtpositionen heraus. Werden
diese Positionen von Men-schen eingenommen, die aus subjektiver Ohnmacht
agieren, so kommt es sehr schnell zu den vielfach zu beobachtenden Kämpfen
innerhalb der Bewegungen. Aber auch die Dämonisierung des "Gegners" ist
eine typische Traumafolge.
"Aufstände und Krawalle sind vermutlich die dramatischsten Beispiele:
Und auch die Beispiele, in denen Power-under am deutlichsten enthalten
ist. Ich glaube, dass Aufruhr auf das massenhafte Auslösen eines
kollektiven Traumas angesehen werden können. Er ist eine unfokussierter
Ausdruck von Leiden und Wut im Massenmaßstab und wurzelt in der Ohnmacht,
die die Menschen erfahren, wenn sie dauerhaft und unbarmherzig verletzt
werden und wenn gewaltfreie oder "legitime" Mittel des Protests als
aussichtslos angesehen werden.
Aber wie bei power-under auf der individuellen Ebene, hat der Aufstand
keine strategische Dimension, er ist deshalb keine lebensfähige Basis für
einen nach-haltigen Kampf. Weil sie den Sinn für ihre Wirkung nicht haben,
verlieren Menschen, die sich an Aufständen beteiligen, die
zerstörerischen Auswirkungen ihres Verhaltens und die Menschlichkeit ihrer
Ziele aus den Augen.
Power-under trägt auch zu einer Reihe von allgemeineren Problemen bei,
die weit über die Psychologie von Aufständen hinausgehen und eine Plage
für Anstrengun-gen zum sozialen Wandel sind. Damit meine ich unter anderem
unsere Tendenz den Unterdrücker zu verteufeln und zu entmenschlichen,
unseren Unwillen oder unsere Unfähigkeit anzuerkennen, dass wir als
unterdrückte Menschen auch Unter-drückerrollen einnehmen können. ...
In unseren eingeschnürten Momenten der traumatischen Ohnmacht und des
Wiedererlebens teilt sich die Welt in Übel wollende Täter und unschuldige
Opfer. Aus dieser Perspektive kann es dann unmöglich sein, sich
vorzustellen, dass die Menschen, die uns unterdrücken ebenfalls
unterdrückt sein könnten oder dass das Leid anderer Gruppen in irgend
einer Weise vergleichbar sein könnte mit unserem eigenen Leid. Dies
wiederum schafft enorme Herausforderungen und Hindernisse beim Versuch
Koalitionen zwischen traumatisierten Gruppen, die sich jeweils gegenseitig
als Unterdrücker wahr nehmen. ...
Power-under kann auch demokratische Treffen in Frage stellen oder
komplett aushebeln .... Auf der einen Seite kann uns die subjektive
Ohnmacht leicht dazu führen, zu zu machen, uns zurück zu ziehen, den
Eindruck zu bekommen wir würden zum Schweigen gebracht. Wir nehmen
Entscheidungen dann so wahr als wären sie uns aufgedrückt worden ohne
unsere echte Beteiligung und Zustimmung. Auf der anderen Seite kann uns
subjektive Ohnmacht dazu führen, dass wir uns "über-beteiligen" im Versuch
dafür zu sorgen, dass wir gehört werden und unsere Position zu
verteidigen, die scheinbar angegriffen wird.
In seiner destruktivsten Form, bricht power-under in Sitzungen in der
Form von persönlichen Angriffen, Schuldzuweisungen und ähnlich
handgreiflichen Formen, in denen traumatische Wut ganze Gruppen lähmen
kann." (S. 89)
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Exkurs - Gewaltausübung aus der Bewusstheit für die eigene Macht
Nicht alle Gewaltausübung erfolgt aus subjektiver Machtlosigkeit
heraus. Vielmehr gibt es sehr wohl Gewaltausübung im Bewusstsein für die
eigene Macht und die Folgen. . So ergab sich in der zitierten Studie über
Gewalt in Beziehungen (Jacobson & Gottman), dass 20% der schlagenden
Männer genau wissen, dass sie aus einer Machtposition heraus agieren und
sie nutzen ihre Macht bewusst, so brutal wie es ihnen für ihre Ziele
sinnvoll scheint. Diese Männer wissen, dass sie gefährlich sind. Es
interessiert sie aber nicht.
Interessanterweise sind dies die Männer, die in ihrer eigenen Kindheit
am brutalsten misshandelt wurden. Diese Männer, so Jacobson und Gottman
kommen "von einem Hintergrund her, der tiefer [als bei den anderen
schlagenden Männern] etwas sehr zerbrechliches in ihnen zerschlagen hat.
Etwas mit dem jedes Kind sein Leben beginnt. Eine Form von innerem
Vertrauen, dass die Eltern, bei allen ihren Limitierungen, das Wohl ihrer
Kinder im Herzen tragen." (S. 96)
Wineman erklärt dies als Identifikation mit dem Aggressor und macht
deutlich, dass auch dies eine Folge von Trauma ist. Die eigene
Hilflosigkeit ist in diesem Fall jedoch unbewusst. Die Angst vor dieser
Hilflosigkeit ist so groß, dass sie noch tiefer eingeschlossen wird. In
diesem Sinne hilft die bewusste Gewaltausübung ebenso wie die ohnmächtige
Wut, die eigene Hilflosigkeit nicht spüren zu müssen. Ohnmächtige Wut und
bewusster Machtmissbrauch sind in diesem Sinne dann zwei Seiten der
gleichen Medaille.
Darüber hinaus gibt es natürlich eine Vielzahl weiterer Faktoren, die
zu Gewalt-ausübung führen können. Dazu gehören gesellschaftliche Normen,
eigene Wertvor-stellungen, Organisationsstrukturen, rationale Analysen uvm.
Die Überlegungen zur Nachwirkung von Traumata sollen diese Überlegungen
nicht ersetzen, sondern eine weitere Perspektive hinzufügen.
Selbstverständlich können in jedem einzelnen Fall auch verschiedenste
Aspekte gleichzeitig das Handeln beeinflussen.
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Was ist zu tun? Sind wir ausgeliefert?- die persönliche Perspektive
Traumatisierung hat weitreichende einschränkende Folgen für das Leben jedes
Betroffenen. Doch mit dieser Erkenntnis ist uns noch nicht
weiter geholfen. Was können wir tun? Da Wineman die Ebene der
psychologischen Strategien auf persönlicher Ebene kaum behandelt, möchte
ich hier meine Überlegungen präsen-tieren. Der erste Schritt ist sicherlich
die Erkenntnis dessen, dass ich möglicher-weise selbst traumatisiert wurde.
Hier hilft mir die Einsicht, dass auch eine Vielzahl kleinerer Ereignisse
traumatisierend wirken können. Wann immer wir bemerken, dass wir aus einem
Gefühl der subjektiven Machtlosigkeit sehr heftig reagieren - sei es mit
Wutausbrüchen oder völligem emotionalem Rückzug - ist es aus meiner Sicht
sinnvoll, zu überlegen, ob ich mich hier vielleicht in einem Trauma-Reenactment befinde. Zu welchem Ergebnis auch immer ich komme,
scheint es mir hilfreich, die Gefühle und Bedürfnisse hinter diesen
heftigen Reaktionen heraus zu benennen und ernst zu nehmen. Angesichts der großen Bedrohung, die
in diesen Situationen zu Tage tritt, ist sicherlich oft auch Hilfe von
außen angesagt. Gerade in der Gewaltfreien Kommunikation sehe ich ein
enormes Potential, um einen bewuss-teren Umgang mit der eigenen
Vergangenheit zu finden. Ein wichtiges Element dabei ist, dass wir
Selbstverurteilungen ernst nehmen, liebevoll betrachten und umwandeln in
die dahinter steckenden Bedürfnisse oder Sehnsüchte.
Eine wesentliche Erkenntnis im Umgang mit dem eigenen Trauma ist für
mich auch, dass wir als (erwachsene) Menschen immer auch Wahlmöglichkeiten
haben, wie wir auf Ereignisse von außen innerlich reagieren wollen. Wir
sind objektiv also nie völlig ausgeliefert . Die Bewusstheit für diese
Wahlmöglichkeiten zu stärken, ist aus meiner Sicht eine zentrale Strategie
im Umgang mit den eigenen Traumafolgen und noch wichtiger als Strategie
der Prävention vor neuen Traumatisierungen (s.
Exkurs - Was entscheidet, ob wir eine
Trauma erleiden)
Schließlich sei noch darauf verwiesen, dass auch die traditionelle
Psychotherapie eine Reihe von wirksamen Verfahren zur Behandlung von Traumata entwickelt hat - unter anderem das EMDR-Verfahren. Informationen
hierzu gibt es im Internet, in einer großen Anzahl von Büchern und
natürlich auch bei psychologischen Bera-tungsstellen. Wichtig hierbei ist
mir , dass es nicht um die Behandlung einer Krankheit geht, sondern
darum, in immer weiteren Bereichen einen selbst-bestimmten Umgang mit dem
eigenen Leben zu finden.
Exkurs - Was entscheidet, ob wir
ein Trauma erleiden oder nicht?
Nicht jedes potentiell traumatisierende Ereignis
führt auch zu einem Trauma. Das gilt auch für Ereignisse, die geeignet
sind TypI-Traumata auszulösen. Nach Fischer übersteht ein Drittel der
Menschen schwerwiegende Ereignisse ohne ein Trauma zu entwickeln. Diese
Menschen verfügen über stabile Selbstheilungskräfte und können die Ereignisse als
schmerzhafte, aber vergangene Ereignisse in ihr Leben inte-grieren. Bei
einem weiteren Drittel der Menschen hängen die Folgen sehr stark davon ab,
ob sie nach dem Ereignis geeignete soziale Unterstützung erhalten und ob
weitere Belastungsfaktoren vorliegen. Bis zu einem Drittel der Bevölkerung
gehören zur 'Hochrisikogruppe für negative Langzeitfolgen'. Aus diesen
Zahlen wird deutlich, dass die soziale Einbindung nach dem potentiell
traumatisierenden Ereignis eine große Rolle spielt.
Gleichzeitig gibt es aber auch innerpsychische
Faktoren, die darüber entscheiden, ob ein Ereignis zu einem Trauma führt
oder nicht. Vieles deutet darauf hin, dass die innere Realität des
'Opfers' entscheidend für die Folgen ist. Wineman schreibt hierzu: "Unsere
Fähigkeit, dem Missbrauch aktiv Widerstand entgegenzusetzen führt zum Kern
der Frage, ob wir traumatisiert werden oder nicht. In dem Maße, in dem wir
in der Lage sind, effektive Widerstandshandlungen zu ergreifen und diese
Handlungen als bewusste Wahl zu erleben, die uns ein gewisses Maß an
Kontrolle gibt, bleiben wir nicht vollständig machtlos. Wenn wir uns
selbst als Handelnde erleben, wird das Trauma in Grenzen gehalten und die
nachteiligen Folgen redu-ziert." Und weiter "Wenn der Missbrauch
geschieht, ist das Opfer normalerweise nicht völlig machtlos. Objektiv
gibt es immer eine Wahl, wie wir auf die überwälti-gende Gewalt antworten.
In dem Maße, in dem wir uns unsere Alternativen bewusst machen, erheben
wir Anspruch auf Macht." S. 56f)
Levins Morales liefert dazu in ihrem Buch "Medicine
stories" ein sehr eindrückliches Beispiel aus ihrer eigenen Biografie:
Als Kind wurde ich ohne Wissen meiner Eltern, über
einen Zeitraum von mehreren Jahren wiederholt von einer Gruppe Erwachsener
missbraucht, die vor allem Kindern körperliche, psychologische und
sexuelle Qualen zufügten. Es war klar, dass ihre Behandlung mehrere Ziele
verfolgte. Sie schüchterten mich ein und verwirrten mich, so dass ich
nicht verriet, was passierte. Aber sie versuchten auch, sich in mir und
anderen Kindern nachzubilden; sie versuchten uns von unserer
Menschlichkeit zu trennen und uns ebenfalls in Folterer zu verwandeln. ...
Weil ich bereits über politsche Folter und den Widerstand dagegen bescheid
wußte, war ich in der Lage, eine Strategie zu entwickeln, die mich
beschützte. Sie schafften es, dass ich nichts verriet, aber ich setzte den
Kreislauf des Missbrauchs nicht fort. Ich fand heraus, dass ich machtlos
war, das zu verhindern, was sie meinem Körper antaten. Aber ich konnte
meine Seele schützen. Ich verstand, dass der erste Schritt so zu werden
wie sie, darin bestand zu lernen anderen ihre Menschlichkeit abzusprechen
und dass ihre Grausamkeit zum Teil auch darauf abzielte, uns dazu zu
bringen, dass wir sie hassten, dass wir sie verletzen wollten, dass wir
sie als Monstern sähen, die wir quälen wollen. Sie wollten in uns die Saat
ihres eigenen Schmerzes einplanzen. Ein Teil des Weges, wie ich dies
verhinderte war, mir meine Misshandler als kleine Kinder vorzustellen
bevor sie so grausam wurden. Ich stellte mir vor, dass in diesen
erwachsenen Körpern, die mich peinigten, ein Kind gefangen war, das selbst
gequält worden war. Ich tat so, als ob in die Augen dieser Kinder blicken
könnte und ihnen Signale der Solidarität schicken könnte und ihnen Mut
machen könnte. Ich stellte mir vor, wie entsetzt sie wären von den
Handlungen ihres erwachsenen Selbst. Das war es, was es mir erlaubte
seelisch zu überleben." (Aurora Levins Morales in Medicine
Stories S. 110 – 111, zitiert nach Wineman S. 208f)
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Was ist zu tun? - die gesellschaftliche Perspektive
Wineman schlägt eine Reihe von Schritten vor, wie soziale Bewegungen
das Wissen um Trauma und den Kreislauf der Ohnmacht nutzen können, um
wirksamer nach innen und außen zu werden (S. 107ff), die hier dargestellt
werden sollen: |
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1) Trauma als eine politische Angelegenheit anerkennen
"Der erste Schritt, einfach und Respekt einflößend zugleich, ist es,
die Sache zu benennen. Das bedeutet, die Verbindung zwischen jeder Art von
Unterdrückung und Traumatisierung von Einzelnen, auf einer
gesellschaftlichen Ebene aufzuzeigen. Es erfordert die Bereitschaft Trauma
auch im Leben derer zu erkennen, die wir als Unterdrücker ansehen. Es
erfordert die gleiche Bereitschaft, Traum in unserem Leben zu untersuchen
.... Es bedeutet, traumatische Wut als eine enorme politische Kraft zu
erkennen und 1000 Fragen zu stellen über die Möglichkeit, diese Kraft zu
mobilisieren. Und es bedeutet, die destruktive Kraft von traumatischer Wut
zu erkennen, ihre Rolle in der sozialen Aufrechterhaltung von
Unterdrückung, ihre Auswirkungen auf unser Anstrengungen zum sozialen
Wandel und ihren Platz in unserem Leben." (S. 108f) |
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2) Entwickeln einer gemeinsamen Sprache und eines Bezugsrahmens
zur Betrachtung der Traumawirkung in sozialen Bewegungen
Das Kind braucht einen Namen. Ich erinnere mich hier, wie hilfreich es
für mich war, vom Phänomen "Mobbing" zu hören,
als ich selbst in einer Mobbingsituation war. Das Wissen darum, das ich
nicht allein bin mit meinen Gefühlen, macht es sehr viel leichter offen
darüber zu sprechen und Handlungsalternativen zu ent-wickeln und zu
erproben.
3) Die gesunden Reaktionen auf Missbrauch und Trauma feiern
In vielen Fällen gelingt es uns, konstruktiv mit unserem Erbe
umzugehen. Das Wertschätzen dieser Momente ist eine enorme Kraftquelle.
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4) Veränderungen in der Organisation
Hier braucht es vor allem Strategien um die individuelle und kollektive
Sicherheit innerhalb der Organisation zu erhöhen. In diesen sicheren
Räumen sollen der Schmerz, der mit dem Trauma verbunden ist, ausgedrückt
und gehört werden.
"Wir müssen Wege kultivieren, wie wir Leiden ausdrücken können und
diesen Ausdruck mit unserer Analyse von struktureller Unterdrückung
verbinden - ohne dass wir Andere, die dominante Rollen einnehmen,
persönlich angreifen und ohne diese Personen so zu behandeln, als wären
sie unser persönlicher Täter .... In genau der gleichen Weise müssen wir
Wege kultivieren, wie wir persönlichen Geschichten von Verletzung und
Unterdrückung zuhören können, dort wo wir unsere dominanten Rollen
erkennen und anerkennen, dort wo wir sehen können, dass diese dominanten
Rollen strukturell mit den individuellen Geschichten von Misshand-lung
zusammen hängen. Wenn unsere Geschichten ohne persönliche Angriffe erzählt
werden sollen, so müssen sie auch ohne Rechtfertigung und Verteidigung
angehört werden." (S. 112)
Ferner schlägt Wineman vor, die persönlichen Folgen von Trauma auch
öffentlich zu machen und die Zusammenhänge zwischen persönlicher Erfahrung
und struktureller Gewalt in die gesellschaftliche Diskussion zu bringen. |
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5) Der Komplexität Rechnung tragen
"Eine der zentralen Lektionen aus der Politik des Traumas ist, dass
sich die Welt nicht ordentlich in Unterdrücker und Unterdrückte, in Täter
und Opfer aufteilen lässt. Diese Bewusstheit müssen wir in Bezug auf eine
Vielzahl politischer Themen ... ansprechen." (S. 113) Jede scheinbare
'Unterdrückergruppe' beinhaltet auch 'Unter-drückte' und jede wie auch
immer definierte Gruppe von 'Unterdrückten' beinhaltet auch
'Unterdrücker'. "Einer der Wege, wie wir die Komplexität sichtbar machen
können, ist es, Geschichten zu erzählen, die Menschen, die so einfach in
eine Schublade gesteckt werden, in ihrem ganzen Reichtum und ihrer
ganzen Tiefe zeigen" (S. 113) |
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6) Weder Urteile noch Mitgefühl allein sind angemessen
"Urteile ohne Mitgefühl [ich würde hier lieber Empathie verwenden
- GR]
können uns dazu führen die ursprüngliche Menschlichkeit ... [des Anderen]
zu sehen und damit den Weg bereiten zu weiteren Spiralen der
Entmenschlichung. ...Mitgefühl ohne Urteile können dazu führen, dass
gewalttätiges Verhalten entschuldigt wird ..." S. 115) und weiter: "Wir
müssen Wege finden, wie wir uns klar und eindeutig gegen Missbrauch und
Dominanz stellen können ohne Menschen zu dämonisieren oder
herabzuwürdigen, die die unmittelbar Handelnden der Unterdrückung [the
proximate agents] sind." (S. 115). |
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/) Traumaüberwindung als persönliche Alternative zu
Dominanzverhalten aufzeigen
"Was wir Menschen anbieten können an Stelle eines Systems, das
chronische sub-jektiver Machtlosigkeit und Kettenreaktionen von
zerstörerischem Handeln kreiert, ist eine Vision ... sozialer
Transformation: ". Diese Vision besteht darin, Menschen das 'Gefühl' von
subjektiver Macht zu geben. Die Macht, die einem keiner streitig machen
kann, die Macht, frei Handelnder im eigenen Leben zu sein. Wem es gelingt,
einen konstruktiven Umgang mit der eigenen Ohnmacht zu finden, gewinnt
Macht über sein Leben zurück und die Fähigkeit, gemeinsam mit anderen eine
lebendige und nicht unterdrückende Form von Macht aufzubauen. Hierin liegt
die Chance in der Thematisierung und Behandlung von Traumata auch gerade
auf gesellschaftlicher Ebene. |
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Konstruktive Wut als Triebfeder gesellschaftlicher Veränderung
Wineman sieht in der Wut eine Triebfeder für gesellschaftliche
Veränderung, wenn es gelingt die ohnmächtige Wut in eine konstruktive Wut
zu verwandeln. "Die zen-trale Frage ist nicht, ob Wut eine zentrale Rolle
in der radikalen Politik spielen wird oder nicht, sondern wie wir bewusst
unseren Ausdruck des Ärgers so formen können, dass er dem sozialen Wandel
dient." (S. 205) Er nennt verschiedene Schlüsselmerkmale für konstruktiven
Ausdruck von Wut:
- Wir drücken Ärger gewaltfrei aus, d. h. ohne den Anderen abzuwerten
- Wir behalten das gewünschte Ergebnis im Auge und überprüfen, ob
unsere Aktionen tatsächlich auf dieses Ziel hinführen
- Unsere Mittel sind konsistent mit unseren Zielen
- Wir bewahren uns Empathie für uns selbst und die Anderen, ohne die
Auswirkungen unserer und anderer Handlungen zu leugnen
- Wir handeln aus einer positiven Vision heraus. Wir stehen zu unserem
wütenden 'Nein' und wir übernehmen die Verantwortung, dieses 'Nein' in
Ideen und Möglichkeiten für eine gerechtere Gesellschaft zu übersetzen
- Wir handeln aus einer subjektiven Bewusstheit für unsere Macht. Wir
bemühen uns um die Bewusstheit, dass wir immer eine Wahl haben.
- Wir handeln aus einem commitment für gleichberechtigte
Machtbeziehungen
Winemans Ansatz wurzelt in einem tiefen Bekenntnis für Gewaltfreiheit:
"...der einzige Weg die Gewalt in der Welt zu vermindern ist es,
Gewaltfreiheit zu üben. ... Gewaltfreier Widerstand erlaubt es uns, unsere
Wut in eine leidenschaftliche Absicht zu kanalisieren, nicht so zu
handeln, wie diejenigen, die uns verletzt, unter-drückt und traumatisiert
haben und uns nicht in destruktive Leute verwandeln zu lassen" (S. 207).
Besonders deutlich wird dies in dem oben zitierten Beispiel von Aurora
Levins Morales.
Als Beispiele gesellschaftlich gerichteter konstruktiver
Wut behandelt Wineman die Bürgerrechtsbewegung in den USA und Nelson
Mandela. In diesen und weiteren Beispielen wird deutlich, dass es nicht
darum gehen kann, den Zorn und die Wut zu unterdrücken. Sie sind vielmehr
enorme Kraftquellen für soziale Veränderung wenn sie mit Empathie
gekoppelt sind.
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Literatur
Aurora Levins Morales, Medicine Stories: History, Culture and the
Politics of Integrity (Cambridge, MA: South End Press, 1998),
Gottfried Fischer, Die verkannte Störung (Interview in Psychologie
heute, 11/2005).
Judith Herman, Trauma and Recovery (New York: Basic Books, 1992)
Neil Jacobson and John Gottman, When Men Batter Women (New York: Simon
and Schuster, 1998),
Sandra Bloom and Michael Reichert, Bearing Witness: Violence and
Collective Responsibility (Binghamton,N.Y.: The Haworth Maltreatment and
Trauma Press, 1998)
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