|
Haben Sie schon einmal einen Ratgeber zum Thema Erfolg und Lebensplanung
gelesen? Ja?
Dann ist Ihnen eines klar: Sie brauchen Ziele, wohlformulierte, positive,
attraktive, realistische, überprüfbare Ziele. Dann wird es Ihnen so gehen
wie all den Beispielmenschen aus diesen Erfolgsbüchern: Sie werden Berge
versetzen, Geld im Überfluss haben und noch dazu ein erfülltes Leben
leben. Es ist zwar nicht immer ganz einfach, aber Ihr Ziel wird Sie immer
wieder aufrichten, wenn Sie stolpern, es wird Ihnen den Weg weisen auch in
finsterer Nacht und Sie schließlich durch das Tor der Glückseeligkeit
führen.
Und: Haben Sie's ausprobiert? Hat's geklappt? Waren alle
Motivationsprobleme vergessen, haben Sie den Magnetismus zwischen Ihnen und
Ihrem Ziel gespürt?
Nein? Dann willkommen im Club! Mir geht´s genauso. Und das liegt
nicht daran, dass wir beide zu doof sind die Ziele ordentlich zu
formulieren. Auch wenn die Prediger der Zielorientierung uns etwas anderes
vorgaukeln: bei den meisten Menschen klappt Selbstbetrug genauso wenig wie
bei Ihnen und mir.
Beim aller Orten vernehmbaren Lobgesang auf Ziele und Visionen werden
nämlich zwei Dinge vergessen:
- Es lebt sich zumindest zeitweise auch ohne explizite Ziele sehr gut.
Die glücklichsten Phasen meines Lebens waren nicht unbedingt die, in
denen ich mich mit Haut und Haaren einem Ziel verschrieben hatte. Der
spanische Dichter Machado sagt "Es gibt keinen Weg, nur gehen"
und trifft damit einen zentralen Punkt vieler östlicher und westlicher
Philosophen.
- Damit zusammen hängt der zweite Punkt. Ziele werden nicht gesetzt,
sie entstehen in uns. Und dazu muss die Zeit reif sein.
Wenn man das berücksichtigt, ist die Sache mit den Zielen gar nicht
falsch. Wenn Sie wirklich ein Ziel haben, bringen Sie ungeahnte Energien
auf, werden kreativ usw. Sie brauchen nur an ihr liebstes Hobby, ihre echte
Leidenschaft zu denken. Oder an das letzte mal als Sie frisch verliebt
waren.
Interessant ist, dass Sie in diesen Fällen meist kein nach allen Regeln
der Kunst formuliertes Ziel haben. Es funktioniert auch so. Sie brauchen es
nicht aufzuschreiben und immer vor sich hinzubeten.
Warum? Weil das Ziel wirklich aus Ihnen kam und nicht von außen gesetzt
wurde. Und da liegt der entscheidende Kurzschluss vieler Erfolgsratgeber.
Wir können uns nicht einfach ein Ziel setzen und so tun als ob es unseres
wäre. Ziele und Visionen werden nicht gesetzt, sie werden zugelassen. Und
Sie merken sehr genau, wann die Zeit reif ist für eine Veränderung. Wenn
es sich um eine tiefgreifende Veränderung handelt, hilft es nichts, große
Aktivitäten zu entfalten. Ganz im Gegenteil versuchen wir damit nur unsere
Unsicherheit zu betäuben, die der Schlüssel zur Lösung ist. Es geht in
den meisten Fällen darum, diese Unsicherheit auszuhalten und das ist schwer
genug. Niemand hat das schöner ausgedrückt als T. S. Eliot.
I said to my soul, be still and wait without hope
For hope would be hope for the wrong thing
Wait without love
For love would be love for the wrong thing
There ist yet faith
But the faith and the love and the hope are all in the waiting
Wait without thougt,
For You are not ready for thougt:
So the darkness shall be the light, and the stillness the dancing
Seele - sei still und warte ohne Hoffnung
weil Hoffnung die Hoffnung auf das Falsche wäre
Warte ohne Liebe
weil Liebe das Falsche liebte
Dennoch - da ist Vertrauen
Aber das Vertrauen und die Liebe und Hoffnung
sie alle müssen warten
Warte ohne Gedanken - du bist nicht bereit für Gedanken
So wird die Dunkelheit zum Licht und die Stille zum Tanz
Erst wenn es Licht wird, können Sie entscheiden, wo es lang gehen soll
und erst dann kommen all die Techniken der Erfolgsbücher zum Einsatz.
Das heißt nicht, dass in der Phase des Dunkels keine Unterstützung
möglich ist. Ganz im Gegenteil. Aber die Unterstützung besteht eher darin,
zum Innehalten anzuregen, das Hineinhören zu fördern und einfühlend zu
begleiten. Gute Laufbahnberatung baut auf diesem Wissen auf und nimmt je
nachdem in welchem Stadium Sie sich gerade befinden, einen völlig
unterschiedlichen Verlauf.
|