„Familienfreizeit in Göttingen“ – Auszüge aus einem Reichtum, den ich mitnehme

Eine Nachlese zur Familienfreizeit Gewaltfreie Kommunikation im August 2005

Von Gundi Gaschler (www.giraffentraum.de)

Im Zeitraum vom 13. bis 19. August sind 17 Familien mit insgesamt 32  „Kindern“ im Alter von 1 bis 22 Jahren für 6 Tage in einem Seminarhaus in der Nähe von Göttingen zu einem GfK – Summercamp zusammengekommen. Vormittags wurden von den zertifizierten Trainern Kirsten Kristensen, Gerhard Rothhaupt, Marianne und Markus Sikor Workshops angeboten, während die Kinder durch das Team von Ela Herlet, Isabell Peters und Georgis Heintz liebevoll betreut wurden. Die Kinder hatten grundsätzlich die Möglichkeit auch an den Sessions teilzunehmen oder mit den anderen auf wilde Entdeckungstouren zu gehen, spannende Geschichten vorgelesen zu bekommen oder ihrer Kreativität durch ein vielfältiges Angebot voll zu entfalten und jede Menge Spaß dabei zu haben. Der Nachmittag stand zur freien Verfügung und wurde für zusätzliche Angebote der anwesenden Teilnehmer genutzt. In der Abendrunde hatten alle die Möglichkeit zu Feiern und zu Bedauern. Soviel zum „Organisatorischen“.

 

Nun zum Feiern:

Ich feiere die Möglichkeit, das, was mir wichtig ist, auch mit der ganzen Familie erleben zu können – mir nicht extra eine kinderfreie Zeit schaffen zu müssen, um mein Weiterkommen in der GfK zu ermöglichen – und gleichzeitig, dass die Kinder die Möglichkeit haben, andere Giraffenfamilien zu erleben. Marie spricht in diesem Zusammenhang von einem „großen Unterschied“. Ich nehme an, sie spürt den wertschätzenden Umgang miteinander und die Leichtigkeit, nur das zu tun, was unser Leben gerade bereichert.

 

Die TrainerInnen sprachen anfangs die Einladung aus, Kinder in den Sessions Willkommen zu heißen. Für den Fall, dass die Bedürfnisse eines „erwachsenen“ Teilnehmers durch die Anwesenheit der Kinder nicht erfüllt werden, schlugen sie vor, einen Giraffentanz mit den Kindern zu beginnen, mit dem Ziel, Wege zu finden, die die Bedürfnisse aller erfüllen. Ich war zunächst skeptisch, aber auch wahnsinnig gespannt, ob das wohl funktionieren könnte. Umso erstaunter war ich, zu sehen, mit welcher Bereitschaft die Kinder oftmals die Bitten, die direkt an sie (und nicht an ihre Eltern) gestellt wurden, erfüllt haben. Ein Junge hat sich entschieden bei uns zu bleiben und leise zu malen und als alle seine Blätter voll waren, stand er auf, um sich neue Blätter zu besorgen. Seine Augen strahlten, als er gleich von mehreren Seiten Blätter gereicht bekam. Der achtsame Umgang miteinander, die Bereitschaft zu unterstützen und die Freude am Geben und Nehmen haben mich sehr berührt.

 

Erstaunt war ich auch, zu welchen Zeitpunkten die Kinder auftauchten oder „laut“ wurden. Immer wieder stellte ich mir die Frage: „Wieso gerade jetzt?“. Als ob es eine unsichtbare Verbindung gibt und die Kinder spüren, wann ihre Eltern Unterstützung brauchen. Ich kann mich an einen 4Jährigen erinnern, der gerade in dem Moment rein kam, als die Mutter an ihrem Schmerz ankam und unbedingt jetzt sofort etwas von der Mutter brauchte. Nachdem wir uns mit seinen Bedürfnissen verbunden haben und die Mutter ihm versichern konnte, dass es ihr gut geht und sie sich freut, dass er hier sei, wurde er ruhig, und konnte schließlich auch wieder gehen. Ein anderer Junge erklärte diese Verbindungen zwischen den Menschen mit „unsichtbaren Luftschnüren“. Ist doch klar – oder!

 

Zudem fiel mir mehrere male auf, dass Kinder in den Momenten lauter wurden, in denen auch meine Aufmerksamkeit irgendwo war. In den Momenten jedoch, in denen ich eine starke Verbundenheit gespürt habe, waren auch die Kinder leise in ihrem Spielen. Gelegentlich unterbrachen sie auch ihr Spiel und verfolgten das Geschehen. Ich glaube deshalb, dass auch sie diese kraftvolle Stimmung gespürt haben. Diese Erfahrung stärkt mich in der Annahme, dass wir alle Menschen mit Bedürfnissen sind und dass es so etwas wie „Kinder“ und „Erwachsene“ gar nicht gibt.

 

Ich feiere das Wachsen und die Veränderung in der Beziehung zwischen den Eltern und den Kindern, die ich beobachten konnte. Eine Teilnehmerin sagte sinngemäß: „Zum ersten mal seit Jahren merke ich, dass ich nicht dafür verantwortlich bin, was meine Kinder tun. Und noch dazu sind sie willkommen, sie haben einen Platz in der Gruppe, gehören ganz selbstverständlich dazu und werden ernst genommen – an Stelle von potentiellen Störenfrieden.“ Wie viel einfacher ist es doch, die Kinder als wunderbare Menschen zu sehen, wenn wir als Eltern nur für das Verantwortung übernehmen, was wir tatsächlich beeinflussen können.

 

Besonders berührt war ich, mit welcher Selbstverständlichkeit meine Kinder in der Abendrunde gefeiert haben. Marie sagte: „Ich feiere, dass Gerhard uns heute früh die Giraffensprache erklärt hat und das Basteln mit Filz und ich feiere, dass wir jetzt alle hier feiern. Ich hab noch nie mit so vielen gefeiert“ und Elia: „Ich feiere, dass ich meine Mama hab!“. Was für ein Geschenk - es erfüllt mich mit tiefer Zufriedenheit, zu sehen dass meine Kinder Werte (oder sind es Bedürfnisse?), wie Lebensfreude, Wertschätzung und Dazugehörigkeit, die für mich sehr wichtig sind, mit einer Leichtigkeit, eben - einfach mal so – leben. Das gibt mir Kraft und Mut und Zuversicht und Bestätigung, dass mein Weg, die GfK zu LEBEN, unser Miteinander bereichert. An dieser Stelle möchte ich allen danken, die dabei waren und dadurch zu dieser Erfahrung beigetragen haben.

 

Schließlich nehme ich noch neben all den Erinnerungen, in denen meine Bedürfnisse nach Nähe, Verbundenheit, Austausch, Lernen und Wachsen erfüllt waren, ein wunderschönes Lied mit, das immer mal wieder von einem von uns angestimmt wird, mich stets an all die erfüllten Bedürfnisse erinnert und dadurch zu einer meiner Tankstellen für „Giraffensaft“ geworden ist.

 

Zum Schluss noch ein Dank an das Team für die Arbeit, den Einsatz, die Mühe und die stete Präsenz. Ich gehe mit einem reichen Schatz und der wachsenden Einsicht, dass es mir immer häufiger gelingt, nur das zu tun, woran ich wirklich Freude habe.