Depression als Wegweiser

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Dieser Artikel erschien leicht verändert zuerst in der Empathischen Zeit 1/2019, dem weltweit einzigen und sehr empfehlenswerten „Magazin für Konfliktlösung und sozialen Wandel durch Gewaltfreie Kommunikation.

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„Wir werden depressiv, weil wir nicht bekommen was wir wollen – und wir bekommen nicht, was wir wollen, weil es uns nie beigebracht wurde, wie wir bekommen, was wir wollen. Stattdessen hat man uns beigebracht, gute kleine Jungs und Mädchen zu sein und gute Mütter und Väter. Wenn wir anstreben, etwas von diesen guten Dingen zu sein, dann ist es besser, wenn wir uns daran gewöhnen, depressiv zu sein. Depression ist die Belohnung für das „gut“ sein.

„We get depressed because we’re not getting what we want, and we’re not getting what we want because we have never been taught to get what we want. Instead we’ve been taught to be good little boys and girls and good mothers and fathers. If we’re going to be one of those good things, better get used to being depressed. Depression is the reward we get for being ‚good‘.“

Marshall Rosenberg

 

Im Sommer 2017 war es soweit: Ich gestand mir ein, dass die Stimmungen, die ich immer wieder erlebte, am besten mit dem Label „Depression“ gefasst werden[1]. Ich war so tief in den Strudel meiner negativen Gedanken geraten, dass ich eine starke Lebensmüdigkeit, fast Todessehnsucht erlebte. Das war eine neue Qualität und ich konnte, wollte nicht mehr wegsehen. Es war klar noch keine Suizidalität und doch bekam ich Angst vor diesen Kräften in mir, die so sehr auf das scheinbar dunkle ausgerichtet sind. Mit Wucht zog es mich ins Dunkle, Sinnlose, Leere. Und all das, obwohl ich ein gutes Leben führte. Ein ausreichend erfolgreicher GFK-Trainer, versehen mit viel Wertschätzung, gut eingebunden in ein liebevolles Freundesnetzwerk, Kinder, Enkel …

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Und doch gab es da immer wieder ein Leere, die nur schwer zu ertragen war, gab es diese Phasen in denen ich mich zu nichts motivieren konnte außer dem, was ich als „Pflicht“ in mir abgespeichert hatte. Freude erlebte ich phasenweise nur durch einen Schleier – wenn überhaupt.

Heute ist es nicht vorbei, ich habe aber einen anderen Umgang damit gefunden – zumindest für den Moment. Die Versuchung ist groß (man könnte es auch Trainerberufskrankheit nennen), daraus jetzt Patentrezepte zu „extrahieren“. Doch das entspricht nicht dem, wie es in mir lebt. Ich habe mehr Lust auf eine Forschungsreise, in der nicht nur die Antworten zählen, sondern die Fragen mindestens ebenso lieb gehabt werden. Einige Forschungsbereiche und vorläufige Erkenntnisse möchte ich hier teilen – auch als Einladung zum Überprüfen an eigener Erfahrung und Anregung für eigene Forschung. Dabei werde ich nur auf eine kleine Auswahl von Aspekten eingehen, die beim Thema eine Rolle spielen können.

 

Depression ist nicht nur individuell

Depression wird bis heute noch meist als eine individuelle Störung angesehen. Sie ist aber in Wirklichkeit zumindest auch ein Ausdruck gesellschaftlicher Normen, Drücke und (Fehl)Entwicklungen. Dementsprechend brauchen wir auch gesellschaftliche Ansätze, wenn wir wirklich Depression als Wegweiser nehmen wollen.

Wir leben aus meiner Sicht in einer depressiven Gesellschaft. In einer Gesellschaft, in der uns das innenverbundene Wollen immer noch aberzogen wird – früher zugunsten des Gehorchens, heute eher zugunsten des Konsumierens. Wir werden zum „braven Jungen“, zum „guten Mädchen“ erzogen und dann greift, was Marshall im Zitat zu Beginn des Artikels sagt: Depression ist der Preis für das Gutsein.

Interessant ist, dass ich in meiner eigenen Wahrnehmung gar nicht angepasst war. Ich hatte die meisten Verweise in der Schule, ich habe immer und immer wieder aufbegehrt, bin gegen den Strom geschwommen. Und vielleicht war es genau das, was es mir ermöglichte, mein „Musterschülerdasein“ so gut vor mir selber zu verbergen. Heute weiß ich, wie schwer ich es in manchen Bereichen habe, wirklich für mich einzustehen. Wie sehr ich mich in meinem Verhalten doch innerhalb dessen eingerichtet habe, was ich glaubte, dass es die Menschen, die mir wichtig waren, von mir wollen. Statt aufzustehen, für mich einzustehen wähle ich in manchen Bereichern meines Lebens dann doch eher das sitzen bleiben und den Rückzug – letztlich in die Depression.

Johann Hari weist in seinem Buch „Lost Connections“ noch auf einen anderen überindividuellen Aspekt hin: In den letzten Jahrzehnten haben wir auf vielen Ebenen die Verbindung verloren bzw. sie wurde geschwächt. Die zunehmende Isolierung im Alltag, die Entfremdung in der Arbeit, der Verlust von Sinnhaftigkeit des Tuns in einer extrem arbeitsteiligen Welt, der Verlust einer Verbindung zur Natur und nicht zuletzt die Abwesenheit der Einbindung in einen spirituell-religiösen Kontext.

Die Einbeziehung der gesellschaftlichen Dimension der Depression hilft mir den Blick zu weiten und nicht nur um mein eigenes Befinden zu kreisen, sie ist auch eine Einladung, aus dem Geheimen und Verborgenen heraus zu treten. Depression zieht einen wesentlichen Teil ihrer Nahrung aus diesem Verborgenen. Das schrittweise öffentlich machen meiner eigenen Situation habe ich als befreiend empfunden.

 

Depression als Spirituelle Krise

Der traditionelle Umgang mit Depression beruht (neben Verdrängung und Bagatellisierung) v.a. auf einer Behandlung, die darauf ausgerichtet ist, den Betroffenen möglichst effektiv wieder in seinen vorherigen Zustand herzustellen. Das ist auch das, was ich so dringend wollte: endlich wieder so gut funktionieren, so gut drauf … wie früher. Es war schmerzhaft zu sehen, dass ich mich nicht mehr auf mein Funktionieren in den verschiedenen Bereichen verlassen konnte, dass die Freude nicht mehr so floss wie ich es gewohnt war. Ich wollte so schnell als möglich „den alten Gerhard zurück“. Ich hatte also ein ganz klares Bild davon, wie ich sein sollte. Wohlgemerkt kam dieses Bild ganz maßgeblich aus mir und nicht von meiner Umgebung. Jede Abweichung von diesem Bild erlebte ich als ein Scheitern oder einen persönlichen Makel. Dieses Bild von mir war so fest in mich geschrieben, dass es lange dauerte, bis ich das Sollte-Denken darin erkennen konnte. Als ich es schließlich erkannte und mit etwas Abstand darauf schaute, wie ich mit mir umgegangen war, war ich sehr betroffen. Ich hatte einen äußerst gewaltvollen Umgang mit mir selbst. Viel Härte, viel „sollte“ und „müsste“, wenig Mitgefühl, wenig Bereitschaft, meinen Impulsen zu trauen.

Heute sehe ich die Depression auch als einen Wegweiser, ein Tor zu einer anderen Dimension

johnhain / Pixabay

meines Seins. Die Depression ist eine klare Verweigerung gegenüber meinen eigenen Leistungsansprüchen und denen der Gesellschaft. Sie zerstört sehr effektiv meine bisheriges Selbstbild und hilft gegen Arroganz und Selbstüberhöhung. Letztlich bricht darin aus meiner Sicht mein so hoch verehrtes Ego zusammen. Das ist beängstigend, verunsichernd und alles andere als angenehm. Es macht aber den Weg frei für eine andere Ebene meiner selbst, für mein „wahres Selbst“, wie es viele spirituelle Traditionen nennen. Der Zusammenbruch meines Egos machte den Weg frei für eine Selbstannahme jenseits von Leistung und Nützlichkeit. Nach und nach kann ich spüren, welche Freiheit darin liegen kann. Das, woran ich mich so sehr geklammert und worüber ich mich überwiegend definiert habe, ist mir immer mehr zum Gefängnis geworden. Die Entmachtung des Egos öffnet die Tür zu den tieferen Ebenen meines Seins.

Der Sufi Llewellyn Vaughan Lee weist immer wieder darauf hin, wie schnell eine spirituelle Krise rein psychisch interpretiert werden kann, weil die Symptome so ähnlich sind. Doch der Umgang damit ist ein anderer. Es geht dann sicherlich nicht um Behandlung, sondern um Eintauchen, sein damit und letztlich Transformation des ganzen Menschen.

 

Sollte Denken und anderes verzerrtes Denken (Burns)

Neben all diesen großen und überpersönlichen Dimensionen bleibt aus meiner Sicht für den praktischen Umgang mit dem, was wir Depression nennen, die Ebene des verzerrten Denkens. Es gilt der Grundsatz: Glaub nicht alles, was du denkst. Wenn wir in einer depressiven Phase sind, können wir fest davon ausgehen, dass unsere Gedanken stark verzerrt sind. Wir werden bei genauerem Hinsehen jede Menge „Wolfsdenken“ entdecken, das sich gegen uns selbst richtet. Jedenfalls ging es mir so. Und auf dieser Ebene stimmt es dann auch, was wir in der GFK verkünden: Depression ist die Folge von Sollte-Denken gegenüber mir selbst. Wobei das Sollte-Denken in ganz unterschiedlichen Gestalten daher kommt:

Counselling / Pixabay

„Ich müsste mich nur mal aufraffen“,

„Ich sollte nicht so viel abhängen, lieber mal was schaffen“

„Ich hab‘ das doch immer gern gemacht“ (was übersetzt heißt: „Ich sollte das auch weiterhin gern machen“).

„Es ist wirklich an der Zeit, dass …“ (heißt: „Ich sollte endlich …“),

„Für andere ist dass auch kein Problem“ (heißt: „Ich sollte so sein wie die Anderen“).

„Ich bin ein fauler Sack“ (heißt: „ich sollte fleißiger sein“)

„Es ist ja nun wirklich kein großer Aufwand, Peter zurück zu rufen“ (heißt: „ich sollte Peter zurück rufen und kein Problem damit haben“).

„Mit so einem Langweiler will doch keiner was zu tun haben.“ (heißt: „ich sollte weniger langweilig sein“).

 „Wenn ich jetzt nicht diesen Artikel schreibe, dann verpasse ich ganz zentrale Chancen und es wird sich über kurz oder lang keiner mehr zu meinen Seminaren anmelden“ (heißt: „ich sollte jetzt diesen Artikel schreiben“).

Das letzte Beispiel macht deutlich, warum das Sollte-Denken so verheerende Folgen haben kann. Wir drohen uns ständig selbst, wir malen uns wieder und wieder aus, was schlimmes passiert, wenn wir so sind wie wir sind, wenn wir das tun, was wir tun. Wir vergleichen uns mit Anderen und verlieren in diesen Vergleichen grandios und wir mauern uns mit Etiketten in unserem verzerrten Selbstbild ein.

Als ich begann, mir wirklich genau und mit etwas Abstand zuzuhören, war ich erschrocken davon, wie gewalttätig ich mit mir umging. Und das obwohl ich über meine GFK-Praxis ja schon eine erhöhte Bewusstheit hatte. Viele der Gedanken laufen im Zustand der Depression quasi unter dem Bewusstheitsradar. Es braucht, eine gesteigerte Aufmerksamkeit und einiges an Disziplin, um sie wirklich zu fassen zu bekommen.

Dafür finde ich es enorm hilfreich, das eigene Denken aufzuschreiben. Im Kopf allein ist ein Ausstieg enorm schwierig. Aufschreiben hilft, ein Stück Abstand zu gewinnen und quasi von außen in den eigenen Kopf schauen zu können. Der nächste Schritt ist die Frage: „Ist es wirklich wahr?“. Bei kritischer Betrachtung werden wir oft eine Verzerrung der Realität erkennen und schnell bemerken, wie „absurd“ unsere Schlussfolgerungen sind.

Und dann hilft es, in ganz klassischer GFK-Manier eine Beobachtung zu formulieren. Am obigen Beispiel kann das z. B. lauten: „Wenn ich diesen Artikel jetzt nicht schreibe, habe ich auch morgen noch Zeit“ oder „Ich mache mir Sorgen, dass Schlimmes passiert, wenn ich diesen Artikel nicht schreibe. In Wirklichkeit weiß ich aber nicht, welche Folgen das haben wird.“ Wenn das geschafft ist, kann ich mich natürlich auch noch meinen Gefühlen und Bedürfnissen widmen. In die Gefühle einzutauchen ohne das Denken überprüft und in eine Beobachtung verwandelt zu haben, birgt die Gefahr, in der Schleife der Bedrohung stecken zu bleiben.

Und bei all dem, hilft mir der Grundsatz der GFK „Ich tue in jedem Moment das Beste, was ich tun kann“ mich an Geduld und eine liebevolle Haltung mir selbst gegenüber zu erinnern. Da kann auch ein kleiner liebevoller Satz mir selbst gegenüber helfen. Ich spreche mich gern mit „mein Lieber“ an. Tara Brach berührte mich mit dem ganz einfachen Satz „It’s ok sweetheart“.

 

Depression und Angst

geralt / Pixabay

Depression und Angst sind aus meiner Sicht Geschwister. Genauer gesagt: Depression und uneingestandene, verborgene Angst sind Geschwister. Es hat lange gedauert, bis ich verstanden habe, dass unter der Depression bei mir eine dicke Schicht von Angst liegt. Das lag daran, dass die Angst so diffus und unzugänglich war. Es ist mir kaum gelungen, überhaupt eine Idee davon zu bekommen, um was es bei der Angst gehen könnte. Die Angst vor der Angst war zu groß. Nach und nach ist es mir gelungen, die Angst fassbar zu machen, sie zu spüren und das ist bis heute ein wichtiger Teil der Depressionsprophylaxe für mich.

 

Angehörige

Ich möchte diesen Artikel nicht beenden ohne ein Wort zum Thema Angehörige. Angehörige von Menschen in depressiven Phasen sind enorm gefordert und brauchen in der Regel genauso wie die Menschen in der Depression Unterstützung – zumindest wenn es länger geht. Die Balance zwischen Empathie und Abgrenzung zu finden ist alles andere als einfach und nicht selten greifen hier Coabhängigkeitsstrukturen, die von innen schwer zu erkennen sind.

 

Und ganz zum Schluss noch das Gedicht „Im Nebel“ von Hermann Hesse

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Einsam ist jeder Busch und Stein,

Kein Baum sieht den anderen,

 

Jeder ist allein.

 

Voll von Freunden war mir die Welt,

Als noch mein Leben licht war;

Nun, da der Nebel fällt,

 

Ist keiner mehr sichtbar.

 

Wahrlich, keiner ist weise,

Der nicht das Dunkel kennt,

Das unentrinnbar und leise

 

Von allem ihn trennt.

 

Seltsam, im Nebel zu wandern!

Leben ist Einsamsein.

Kein Mensch kennt den andern,

 

Jeder ist allein.

(Hermann Hesse)

 

[1] Das Thema „Problematik und Sinnhaftigkeit von Etiketten und Diagnosen“ lasse ich hier einmal heraus. Es ist einen eigenen spannenden Artikel wert. Hier soll „Depression“ pragmatisch und wenig trennscharf als zusammenfassende Bezeichnung für das Erleben von Schwere, Sinnlosigkeit, Dunkelheit verbunden mit wenig Motivation … verstanden werden.

geschrieben am 25. Juni 2019 von Gerhard Rothhaupt

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4 Antworten zu “Depression als Wegweiser”

  1. U. B. sagt:

    Lieber G,
    Für mich die Bestätigung, das es keine Zufälle gibt. Habe vor zwei Tagen deinen Artikel über Traumata gelesen, und auch unter ‚inklusive Wiedererkennung ‚ geteilt. War seit langem mal wieder auf Deiner Seite. Da ergreift mich diese innere Aufregung, wenn man, genau wie bei diesem Artikel, Dinge, und sich selbst (wieder-)entdeckt, und weiss: das ist es!
    Danke dafür!
    Als Fan von Texten und Gedichten find ich ‚Im Nebel‘ genial

    • Gerhard Rothhaupt sagt:

      Liebe U.,

      vielen Dank. Ja, für Wiedererkennung schreibe ich, dafür, dass das scheinbar so persönliche auch mal von außen und gleichzeitig innen betrachtet werden kann. Alles Gute!

  2. Volker Groß sagt:

    Danke, Gerhard, Deine Zeilen haben mich berührt!
    Auch ich kenne den Weg, den Du beschreibst. Letztendlich hat mich die spirituelle Erfahrung sowohl des Eins- und damit Verbundenseins als auch des Kontaktes zu meinem Höheren Selbst heilen lassen. Damit meine ich keinen abgeschlossenen Prozess, sondern einen neuen Weg.

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