Gewalt verhindern und behandeln

Ein subjektive Rezension zu James Gilligans „Preventing Violence“ über die Entstehung und Verhinderung von Gewalt

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Dieser Artikel ist inspiriert von dem Buch „Preventing Violence“ von James Gilligan, (Thames & Hudson). Das Buch gehört zum spannendsten, was ich seit langem gelesen habe.

 

Unser bisheriger Umgang mit Gewalt – ein fehlgeschlagenes soziales Experiment

Spätestens seit Moses die Gesetzestafeln abgeholt hat, hat die Menschheit ein gewaltiges soziales Experiment durchgeführt. Die Hypothese ist: Gewalt lässt sich durch Gewalt verhindern. Wenn jemand Gewalt anwendet, muss er damit rechnen, dass ihm ebenfalls Gewalt widerfährt – Aug um Aug, Zahn um Zahn. Diese Reaktion nennen wir „Bestrafung“ oder „Gerechtigkeit“. Zur Hypothese gehört es auch, dass wir meinen, Gewalt verhindern zu können, indem wir sie „böse“ nennen und verbieten. Gewalt wird also zu einem moralischen Problem erklärt.

Und was sind die Ergebnisse des Experiments? Die Gewalttätigkeit steigt, das letzte Jahrhundert brachte allein in den beiden Weltkriegen soviel gewaltsame Tote wie keines vorher. Die Mordraten steigen und wir laufen Gefahr, uns an Massaker in der Schule zu gewöhnen, die Weihnachtsmärkte werden streng abgesichert, Terroranschläge nehmen zu und in den Herkunftsländern vieler Terroristen herrscht die Gewalt der Stärkeren, oft genug die westliche Militärmacht.

Trotz dieser Tatsachen halten wir an der Hypothese fest, wie der Hund am Knochen. Einer der Gründe dafür mag darin liegen, dass es uns an einer überzeugenden Alternative fehlt. Hier bietet Gilligan eine andere Sichtweise an.

Gewalt als Krankheit

Er schlägt vor, Gewalt nicht als moralisches Problem zu betrachten, sondern mit der gleichen Brille, mit der wir eine Krankheit oder Seuche betrachten. Dass dies Sinn macht zeigt die „offizielle“ Definition von Krankheit: „Krankheit ist jede Kraft innerhalb eines Organismus oder einer Art, die Tod oder Behinderung bei der Art bewirken kann“. Gewalt ist sicherlich eine der zentralen Kräfte, die Tod oder Behinderung bewirken. Gehen wir von dieser Sichtweise aus, wird es interessant zu vergleichen, wie wir mit klassischen Krankheiten und mit Gewaltphänomenen umgehen. Hier fallen vor allem zwei Punkte auf:

1. Krankheiten werden behandelt, nicht bestraft

Wie gehen wir mit Kranken um? Wir kümmern uns um sie, wir versuchen, sie zu heilen, wir verwenden viel Energie und unsere bestausgebildeten Eliten – die Ärzte – auf ihre Wiederherstellung. Und wie sieht es aus bei einer ansteckenden gefährlichen Krankheit? Wir bringen die Menschen in Quarantäne. Aber nur wenige verbinden diesen Freiheitsentzug mit einem Konzept von Schuld. Dabei kann ein Mensch mit einer hoch ansteckenden, lebensgefährlichen Krankheit mehr Menschen den Tod bringen als die meisten Mörder dies jemals taten.

2. Wir suchen nach den Ursachen der Krankheit

Treten neue Krankheiten auf, so versuchen wir mit erheblichem weltweiten Aufwand die Ursachen herauszufinden. Eine Krankheit, deren Ursachen wir nicht kennen, ist besonders beunruhigend. Beim Umgang mit dem Phänomen Gewalt verhält es sich völlig anders: Erstaunlicherweise besitzen  wir einen riesigen Apparat, der sich mit Bestrafung befasst, aber nur Wenige, die sich mit den Ursachen von Gewalt auseinandersetzen. Gilligan hat dies getan und dabei wichtige Ursachen von Gewalt auf der individuellen und der gesellschaftlichen Ebene identifiziert. Hier seine zentralen Thesen:

Individuelle Ursachen von Gewalt: Gewalt als Möglichkeit Stärke und Respekt zu spüren

Scham und die Suche nach Respekt stehen hinter den meisten Gewaltverbrechen so die These Gilligans. Ich würde es so formulieren: Ausgangspunkt für Wut und aggressives Verhalten ist oft der Eindruck, dass unsere Würde verletzt wird, dass wir nicht respektiert werden, als wertlos betrachtet werden.

Machen Sie doch einfach einmal selbst den Test: Erinnern Sie sich an eine Situation, in der sie außerordentlich wütend waren. Und jetzt spüren Sie nach: Gab es da ein Gefühl von Peinlichkeit, gab es da einen Satz wie „Der respektiert mich nicht, nimmt mich nicht ernst“, „der behandelt mich wie ein Stück Scheiße“, ein Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit?

Bei mir war die Trefferquote 100%. Aggressives Verhalten entspringt in der Regel nicht einem tief empfundenen Selbstbewusstsein, einem Gefühl von Stärke, sondern sieht entsteht eher aus einem Gefühl der Verletztheit heraus.

Gilligan findet dieses Muster bei allen Gewaltverbrechern, mit denen er gearbeitet hat. Und schauen Sie sich die Debatte um Georg Bush vor dem Irakkrieg an. Da hieß es in den Medien, der Krieg sei unvermeidlich, weil für Bush der Verzicht auf einen Krieg einen Gesichtsverlust bedeuten würde. Das Wahren des „eigenen Gesichts“ schien für viele in der öffentlichen Debatte so zentral zu sein, dass sie glaubten, Bush würde allein schon aus diesem Grund den Tod von Zehntausenden von Menschen in Kauf nehmen – was sich ja dann auch bewahrheitet hat.

Aber der Kreislauf von Demütigung und Gewalt taucht auch schon in der Bibel in der Geschichte von Kain und Abel auf. Im Buch Mose 4 ist zu lesen:

Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. … Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot.

Das Ausschlagen eines Geschenkes gilt in vielen Kulturen als besonders krasse Demütigung. Aber nicht genug damit, Gott begegnet Kains Gefühlen von Trauer und Wut auch noch mit der Moralkeule.

Gehen wir wieder mehr in unsere Zeit, so gibt es eine große Anzahl von Untersuchung, die den Zusammenhang von Verletzung, Demütigung und Zwang auf der einen Seite und Aggression auf der anderen Seite belegen. Die Verletzung der Ehre, männliche Ehre, Familienehre gelten in vielen Kulturen auch heute noch ganz offen als ausreichender Grund für Familienfehden und Morde.

Weitere individuelle Hintergründe von Gewalt

Mit Hilfe von Gewalt wird Respekt von der anderen Person gefordert, Angst wird zum Ersatz für echten Respekt.

Aber jeder von uns kennt die Gefühle von Scham, hatte schon einmal den Eindruck gedemütigt zu werden und wir begehen nicht gleich Gewaltverbrechen. Und auch die schlimmsten Gewaltverbrecher, sind die meiste Zeit über friedlich. Dies zeigt, dass es noch weitere Voraussetzungen braucht, damit aus einer Demütigung ein Gewaltakt entsteht. In seinem Umgang mit Gewaltverbrechern fand Gilligan v. a. zwei wichtige weitere Merkmale:

1) Diese Menschen hatten die Fähigkeit zur Empathie, Liebe und Verantwortung für andere nicht entwickelt. Noch nicht einmal der Selbstschutzmechanismus Angst war entwickelt. Den Grund dafür sieht Gilligan in schweren Misshandlungen in der Kindheit. Alle Gewaltverbrecher, mit denen Gilligan zu tun hatte, waren schweren körperlichen und/oder psychischen Misshandlungen in der Kindheit ausgesetzt.

2) Die Menschen, die zu Gewalt greifen, hatten in ihrem Empfinden, keine andere Möglichkeit, um ihre Selbstachtung wiederherzustellen. Solche Möglichkeiten wären ein angesehener Beruf oder Schulabschluß, besondere künstlerische oder sportliche Fähigkeiten, die Übernahme von Ehrenämtern etc. Es ist auffällig, dass der weitaus größte Teil der Gefängnisinsassen aus sogenannten sozial schwachen Verhältnissen stammt, Minderheiten angehört, keinen oder einen sehr geringen Schulabschluss aufweist etc.

Die gesellschaftliche Ebene: Strukturelle Ursachen von Gewalt

Doch Gewalt hat nicht nur individuelle Hintergründe, sondern auch gesellschaftlich-strukturelle. Hier findet Gilligan folgende Zusammenhänge:

1) Je größer die soziale Ungleichheit desto größer ist die Gewaltrate

Dieser Zusammenhang findet sich sowohl im Ländervergleich als auch im zeitlichen Vergleich und für verschiedenste Maßzahlen. Soziale Ungleichheit ist der deutlichste Prädiktor für die Gewaltrate. Dabei geht es tatsächlich um die Unterschiede zwischen arm und reich, nicht um die das mittlere Einkommen oder ähnliches.

2) Männliche Jugendliche und junge Männer sind besonders oft in Gewalttaten verwickelt

Dieses weithin bekannte Phänomen bringt Gilligan damit in Zusammenhang, dass in dieser Gruppe das Selbstwertgefühl besonders schwach ist und gleichzeitig besonders gefährdet. Möglichkeiten, sich ohne Gewalt ein Selbstwertgefühl aufzubauen, sind besonders rar.

Außerdem wird in unserer Gesellschaft Gewalt immer noch als ein Beweis von Männlichkeit gesehen. Die Menschen, die besonders stark in Gewalt involviert sind – die Soldaten – werden als Helden gefeiert.

Die Krankheit Gewalt verhindern und behandeln

Doch wie kann die Krankheit Gewalt verhindert oder behandelt werden? Wie in der Sozialmedizin üblich, unterscheidet Gilligan primäre, sekundäre und tertiäre Prävention. Es ist dabei eine Binsenweisheit, dass primäre Prävention sehr viel kostengünstiger und wirkungsvoller ist als sekundäre. Hier ein kurzer Überblick über die verschiedenen Ebenen von Prävention:

1) Primärprävention: Die Ursachen ausschalten – wie schaffen wir weniger gewaltvolle Gesellschaften?

Hier geht es darum, die Gesellschaft so zu strukturieren, dass die Ursachen von Gewalt beseitigt werden. Grundlage hierfür ist eine zentrale Einsicht:

Wir müssen erkennen, dass die einzige Basis, auf der wir gewaltfrei zusammenleben können, ein Basis gegenseitigen Respekts ist. Eines Respekts, der so tief und ohne Vorbedingungen ist, dass er nicht von Verdiensten oder Verhalten abhängt. Es ist vielmehr ein Respekt für menschliche Würde, für die Unverletzbarkeit der menschlichen Seele und Persönlichkeit und der Wille, niemanden zu beschämen … James Gilligan

 Wie das geht, ergibt sich direkt aus dem Kapitel zu den Ursachen von Gewalt: Die Unterschiede zwischen Arm und Reich verringern, soziale Absicherung schaffen bzw. bewahren … Gilligans Buch ist aus deutscher Sicht ein leidenschaftliches Plädoyer für die Erhaltung der sozialstaatlichen Errungenschaften und gegen eine weitere Amerikanisierung des Gesellschaftsaufbaus.

Dass es möglich ist, mehr und weniger gewaltsame Gesellschaften zu schaffen, zeigen der internationale Vergleich verschiedener Staaten. Schweden zeigt, dass die Umwandlung einer gewaltbasierten Kultur – die der Wikinger – zu einer friedliebenden Kultur in wenigen Generationen vonstatten gehen kann.

Die Möglichkeiten, eine gewaltarme Gesellschaft zu schaffen, werden zudem sehr deutlich, wenn man sich z. B. primitive christliche Gemeinschaften ansieht. Bei den Hutterern z. B. gab es in 100 Jahren nicht einen einzigen Mord oder Tötungsfall. Von solchen Beispielen lernen heißt nicht kopieren, es heißt, die positiven Ansätze in unsere Gesellschaften zu integrieren.

2) Sekundärprävention: Maßnahmen für Risikopatienten

„Die wirkungsvollste Hilfe, die wir Opfern geben können, ist, zu verhindern, dass Sie überhaupt zu Opfern werden“ James Gilligan

Einem erhöhten Risiko, gewalttätig zu werden, sind v. a. Personen ausgesetzt, auf die mehrere der folgenden Punkte zutreffen:

  • arm
  • Kinder Alleinerziehender
  • männlich und im Alter zwischen 13 und 25
  • Opfer von Gewalt und Missbrauch
  • geringer Bildungsstand

Wohl gemerkt: all diese Faktoren führen nicht zwangsläufig zu Gewalt, wie auch Rauchen nicht zwangsläufig zu Lungenkrebs führt. Ebenso gibt es natürlich Gewalttäter ohne diese Risikofaktoren. Aber Menschen mit den o. g.  Hintergründen, greifen  statistisch gesehen erheblich häufiger zu Gewalt. Statt sie zu bestrafen, sollten wir sie besonders schützen. Was kann hier als Immunabwehrstärkung verabreicht werde?. Es zeigt sich, dass v. a. Programme, die einen Schulabschluss ermöglichen, wirksam sind, ferner die Unterstützung der Familien und Kinder durch Therapeuten und Sozialarbeiter. Auch spezielle Konfliktlösungsprogramme in Kindergarten und Schule zeigen erheblich Wirkung (siehe hierzu den Artikel Babys als Mobbingprävention.

3) Tertiärprävention: Behandlung von Erkrankten

Bleibt die Frage „Wie gehen wir mit denen um, die gewalttätig geworden sind?“ Wir werden Menschen weiterhin in spezielle Einrichtungen stecken müssen und verhindern, dass sie andere umbringen oder ihnen Gewalt antun. Aber diese Einrichtungen der Zukunft dienen nicht der Bestrafung, sondern der Therapie und Bildung. Gilligan prägt für diese Einrichtungen den Begriff „Anti-Gefängnis“. Wer bezweifelt, dass Gefängnisse zu Bildungseinrichtungen werden können, der verkennt, dass sie dies bereits sind. Sie sind höchste effektive Schulen, in denen Menschen Gewalt beigebracht wird.

„Der effektivste Weg, eine nicht gewalttätige Person in eine gewalttätige zu verwandeln ist es, sie ins Gefängnis zu stecken.“ James Gilligan

Glücklicherweise gibt es bereits Beispiele für Gefängnisse, in denen eine andere Form von Bildung betrieben wird. Zwei davon sollen kurz vorgestellt werden.

Das San Fransisco Programm

In diesem Experiment werden den Insassen 12 Stunden am Tag verschiedene Therapie- und Bildungsangebote gemacht. Wichtig dabei ist eine strukturierte Gruppendiskussion zum „Männlichkeits-Glaubenssystem“. In dem entsprechenden Gefängnisblock ging die Anzahl der Gewalttaten innerhalb des Gefängnisses von 38 auf 1  zurück, während die Anzahl in einer Kontrollgruppe konstant blieb. Nach vorläufigen Daten haben Männer, die mindestens vier Monate an dem Programm teilgenommen haben eine um 80% verringerte Rückfallquote.

 

Das Massachusetts Programm

Gilligan führte als Medizinischer Leiter der Gefängnisse in Massachusetts ein System zur therapeutischen Unterstützung und Bildung von Gefangenen ein. Die Anzahl der gewaltsamen Tote innerhalb des Gefängnisses ging von über 100 in 10 Jahren auf 10 innerhalb von 10 Jahren zurück.

Abschließende Bemerkung

Das Buch von Gilligan möchte ich all denen ans Herz legen, die sich mit einer anderen Sichtweise auf Gewaltprävention befassen wollen. In dem Buch werden die verschiedenen Aspekte selbstverständlich sehr viel umfangreicher behandelt.

Über James Gilligan

James Gilligan ist seit 1965 Psychiater an der Harvard Medical School. Über 25 Jahre war er Leiter des psychiatrischen Dienstes der Gefängnisse in Massachusetts. Er ist Präsident der international Vereinigung für Forensische Psychotherapie und war unter Clinton Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Nationalen Kampagne gegen Jugendgewalt in den USA. Ferner war er Berater Toni Blairs und des internationalen Gerichtshofs in Den Hague.

 

 

geschrieben am 4. Juni 2012 von Gerhard Rothhaupt

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Projekthinweis

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