Giraffentanz mit dem Inneren Kind

Transformation, Empathie und neue Erfahrungen

Von Gerhard Rothhaupt und Kirsten Kristensen

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Dieser Artikel erschien leicht verändert zuerst in der Empathischen Zeit 3/2018, dem weltweit einzigen und sehr empfehlenswerten „Magazin für Konfliktlösung und sozialen Wandel durch Gewaltfreie Kommunikation.

 

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Das Konzept des Inneren Kindes ermöglicht uns eine besondere Form der Selbstempathie: Ich empfange Empathie in meinen kindlichen Anteilen und „gebe“ Empathie mit meinen erwachsenen Anteilen. In unseren Seminaren haben wir eine eigene Form der Inneren Kind Arbeit entwickelt, die sich als sehr heilend und ermächtigend erweist. Wesentlich ist dabei – wie in der GFK allgemein – dass wir nicht nur Empathie auf der Gefühlsebene, sondern auch auf der Bedürfnisebene einbringen. Darüber hinaus möchten wir darauf hinweisen, dass häufig Empathie allein nicht zu Transformation führt und es andere Elemente zusätzlich braucht, die auf der Basis von tiefer Empathie (oder Liebe) die Tür zu neuen Welten aufmachen. Wir möchten in diesem Artikel auf die wichtigsten Elemente unserer Inneren Kind Arbeit eingehen und darauf, wie sie zusammenwirken, wie sie zu einem Tanz werden.

Zunächst einmal haben wir festgestellt, dass es verschiedene Ebenen von Empathie gibt, die oft gemeinsam die Grundlage für eine „Heilung“ verletzter Anteile schaffen. Da ist zum einen Empathie für das lebendige strahlende Kind, das wir waren. Wir waren und sind eben nicht nur verletzte Kinder, sondern auch wundervolle, vollständige, strahlende, unschuldige, lebendige, spontane freudige Wesen. Auch dieser Teil will gesehen werden. Das tiefe Verbinden mit unserer „göttlichen“ Natur macht oft die Tür auf für eine Arbeit mit dem verletzten inneren Kind.

Und dann braucht es unser ganzes Mitgefühl für das verletzte Kind. Passive Empathie aus dem Therapeutensessel erreicht das Kind oft nicht, es hilft, dass wir uns berühren lassen, es geht um unser Engagement auf Herzensebene, unsere emotionale Wärme. Hilfreich ist oft auch Empathie mit Worten, die Resonanz, die tiefe Empathie erzeugt. In Gruppen hat es sich bewährt, hier die Vielfalt der Gefühle und Bedürfnisse aus einem inneren Berührt sein heraus zu spiegeln.

Meist bringen wir auch das ein, was wir Validierung der Erfahrung nennen. Das Kind braucht Bestätigung, dass es wirklich so (schlimm) war wie es war, es braucht die Erlaubnis den ganzen Schmerz und Ärger zu fühlen. „Es war wirklich schrecklich das zu durchleben“. Nur zu oft haben wir gehört und uns selbst gesagt, dass es nicht so schlimm war, ganz normal oder es Andere noch viel schlimmer erwischt hat. Wir schämen uns, weil wir nicht so „stark“ sind wie wir gern wären, sondern eben verletzt und empfindsam in diesem Zustand, an diesen Orten. Hier kann eine Bestätigung der Erfahrung die Erlaubnis geben, wirklich zu fühlen, unzensiert zu spüren. Und echtes Fühlen im Hier und Jetzt ist aus unserer Erfahrung heraus, enorm wichtig. Wir haben viele Menschen getroffen, die alles über ihre Kindheit wissen ohne es wirklich in der Tiefe bewusst gefühlt zu haben. Es ist immer wieder berührend zu erleben, was passiert, wenn diese Menschen dann ins Fühlen kommen. Ein Leitsatz an dieser Stelle: Das Leugnen des Schmerzes ist der Beginn des Leidens. Und umgekehrt: das Zulassen des Schmerzes ist oft der Auftakt der Heilung.

Doch zurück zur Bestätigung: An dieser Stelle verlassen wir also die reine Empathie und werden zu tief empathischen Verbündeten. Und das ist nach unserer Erfahrung eine wichtige Zutat, damit in dieser Form echte Transformation passieren kann. Hierhin gehört auch, dass wir als Begleiter sehr behutsam eine neue Perspektive einbringen: „Wenn du in anderen Umständen aufgewachsen wärst, dann hättest du ganz andere Potentiale auch noch entfalten können. Es ist nicht dein Fehler, dass du heute so an dieser Stelle so begrenzt bist. Es hat mit deiner Verwundung zu tun.“ Was dabei hoffentlich passiert ist, dass ich in Kontakt komme mit der ganzen, strahlenden Person, die ich hätte sein können, wenn ich anders aufgewachsen wäre. Und damit, dass ich immer noch diese Person werden kann, dass ich all das Potential noch in mir trage.

An dieser Stelle geht es dann darum, eine neue Erfahrung in der Gegenwart zu machen – genau an der Stelle wo die Wunde sitzt. Nehmen wir als Beispiel einen Menschen, der in der Kindheit das Vertrauen verloren hat, gehört und verstanden zu werden. Wenn diese Person in diesem Setting in der Gegenwart erfährt, dass sie wirklich und in der Tiefe verstanden wurde, dann kann diese neue Erfahrung in der Tiefe die alte Erfahrung überschreiben (oder neben sie gestellt werden). Oft bitten wir an diesem Punkt die Person, sich hinzulegen in einem warmen Nest, wir berühren sie und bringen all das ein, was das Kind so gern gehört und gespürt hätte. Körperliche, emotionale und spirituelle Wärme schaffen einen Brutkasten, in dem Heilung und Entwicklung passieren kann.

Zurück in der Erwachsenenwelt des Hier und Jetzt, geht es dann darum, Wege zu finden, wie der Erwachsene in Zukunft auf stimmige, heilsame und eben erwachsene Weise für seine kindlichen Anteile sorgen kann. Es geht also um konkrete Strategien, die wir oft in Vereinbarungen mit dem Kind kleiden. Nicht selten passiert es an dieser Stelle, dass der Erwachsene sich überfordert fühlt, ausreichend für das innere Kind zu sorgen. Jetzt kommt die dritte Ebene der Empathie ins Spiel: Die Ebene der Empathie mit dem (manchmal überforderten und erschöpften) Erwachsenen. Diese Ebene ist für nachhaltige „Heilung“ enorm wichtig, weil sie die Grundlage liefert für einen funktionierenden liebevollen Kontakt von Erwachsenem und Kind. Und natürlich ist es oft an dieser Stelle sinnvoll, konkrete Unterstützungsmöglichkeiten für den Erwachsenen zu finden. Ein Dialog mit dem Inneren Kind kann dabei sehr hilfreich sein. Das Kind hat oft viel mehr Verständnis und Ideen als der Erwachsene zunächst für möglich hält. So liefert dieser Teil auch ein Modell für mögliche zukünftige Dialoge zwischen erwachsenen und kindlichen Anteilen.

Wir hoffen, dass wir zeigen konnten wie wichtig Empathie in der Inneren Kind Arbeit ist. Um eine nachhaltige Transformation zu unterstützen ist es enorm hilfreich unterschiedliche Spielformen der Empathie einzubringen und es braucht in der Regel mehr als Empathie. Letztlich braucht es einen echten speziellen Giraffentanz.

Wenn es uns gelingt, auf diese Weise von unserer Erfahrung zu lernen, so sind wir auf dem Weg, die Zukunft zu kreieren, in der wir leben wollen. Wir ernten die Früchte aus den unglücklichen Teilen unserer Kindheit und werden freier, ein selbstbestimmtes Leben in Dankbarkeit zu führen.

Und dabei hilft uns auch unser manchmal schmerzhaftes Sehnen. Wir tragen alle Erinnerungen an unseren Kern, unser eigentliches Wesen in uns. Diese Erinnerungen zeigen sich als Sehnen. Und dieses Sehnen führt unser nach und nach tiefer zu unserer Seele (unserem Kern, eigentlichen Wesen). Wir spüren das als ein Fließen oder einen verstärkten Energiefluss in dem Moment, in dem wir die Heimat unserer Seele erkennen. Wir kommen heim. Und vielleicht ist es das, worum es im Leben geht: aus unseren Erfahrungen zu lernen und heim kommen.

 

 

geschrieben am 2. Juli 2019 von Gerhard Rothhaupt

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