Kooperation als Überlebenselexier – Evolution ist mehr als der Kampf ums Überleben

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Kooperation ist der Meisterarchitekt der Evolution. Ohne sie gäbe es uns überhaupt nicht. Denn wir sind Superkooperatoren, wie der Biomathematiker und Harvardprofessor Martin Nowak in seinem Buch „Supercooperators“ darstellt. Er entwickelt darin eine erweiterte Theorie der Evolution und räumt der Kooperation eine zentrale Rolle ein und ergänzt damit die Idee vom Kampf ums Überleben. Die Auswirkungen auf unser Weltbild können enorm sein.

Wir alle haben es in der Schule gelernt und bekommen es an 1000 Stellen fast täglich wiederholt: Das Leben ist ein Kampf und es geht darum, zu den Besten zu gehören. Wer dies nicht schafft, hat auf ganzer Linie verloren. Denn nur die Besten kommen weiter, nur die bekommen einen Platz auf der gewünschten Schule, die gewünschte Lehre, Uni, Arbeitsstelle. Und – so lehrt uns die Evolutionslehre – nur die werden sich auch im Kampf um das Überleben unserer Art durchsetzen. „Survival of the fittest“, ist die englische Kurzformel dafür. Dass bei dieser Denkweise schnell die allermeisten zu Verlierern erklärt werden, taucht in der Debatte kaum auf, wohl aber in der Gefühlswelt der Menschen: z. B. als Depression, der Volkskrankheit Nummer zwei in den westlichen Industrienationen.

Jetzt zeigen faszinierende neue Erkenntnisse aus verschiedenen Bereichen der Biologie und Mathematik, dass unser bisheriges Verständnis von Evolution zu einseitig auf den Kampf gerichtet ist und eine wesentliche Gestaltungskraft des Lebens und Überlebens schlicht übersehen oder zumindest vernachlässigt hat: Die Kooperation.

Der Harvard Professor Martin Nowak bezeichnet Kooperation als die Meisterarchitektin der Evolution. Aus ihr entsteht die kreative Kraft, die unser Leben so stark prägt. Die Entwicklung der menschlichen Sprache ist kaum erklärbar als Hilfsmittel für den Kampf – hier ist ein Knüppel viel wirkungsvoller. Die vielleicht wichtigste Neuentwicklung des Menschen steht vielmehr im Dienste des Miteinanders, des sozialen Zusammenhalts und der Zusammenarbeit. Auch unser Körper existiert nicht, weil dort ein ständiger Kampf ums Überleben droht (wie es Richard Dawkins mit seiner sehr einflussreichen These des egoistischen Gens unterstellte), sondern wegen der vielfältigen Kooperation und Kommunikation. Nur wenn die einzelnen Teile wirklich zusammenarbeiten können wir überleben, das Leben genießen und das vollbringen, was unserem Potential entspricht. Viele, die von Krankheiten betroffen sind, können ein Lied davon singen, wie es ist, wenn die Zusammenarbeit und Kommunikation der einzelnen Körperteile gestört ist.

Doch worum geht es? Nowak und seine Kollegen konnten anhand von Computersimulationen, Experimenten und mathematischen Überlegungen zeigen, dass Kooperation einer der zentralen Gestaltungsmechanismen der Evolution ist – die dritte Säule neben der Mutation und der Selektion.  Die zentrale Aussage findet sich in folgendem Wortspiel:  „… to succeed in life you need to work together  – pursuing the snuggle for existence … –  just as much as you strive to win the stuggle for existence.“ Um im Leben erfolgreich zu sein, müssen wir zusammenarbeiten – den Kampf ums Kuscheln betreiben – genauso wie wir uns bemühen, den Kampf ums Überleben zu gewinnen. Oder kürzer: „Der Fitteste ist derjenige, der kooperiert. Die Evolution führt zu gewissen Aspekten der Selbstlosigkeit.“ (Nowak im Interview mit der Wiener Zeitung)

In seinem Buch „Supercooperators“ legt Nowak sehr überzeugend dar, warum wir andere brauchen, um Erfolg zu haben – auch evolutionär gesehen. Hinter seinen Schlussfolgerungen, die von einer großen Anzahl sehr namhafter Biologen unterstützt werden, verbirgt sich eine (R)Evolution der Evolutionstheorie, die in ihren Auswirkungen enorm sein kann. Beeinflusste doch die Idee vom Kampf der Arten nicht nur den Nationalsozialismus. Sie ist in veränderter Form auch die Grundlage der Auswüchse unserer modernen Wirtschaftsweise, die der Arzt und Psychotherapeut Joachim Bauer als Raubtierkapitalismus bezeichnet.

Die Evolutionstheorie ist eine der zentralen Grundlagen unseres modernen Weltbildes. Ein erweitertes, vollständigeres Verständnis dieses so zentralen Lebensprozesses kann die Tür öffnen für eine Vervollständigung und Veränderung unseres Weltbildes. Ebenso wie viele moderne Entwicklungen und Gedankengänge erst möglich wurden durch Darwins neue Sicht auf die  Entstehung der Arten, werden möglicherweise ganz neue Schwerpunktsetzungen durch die neu entstehende Sichtweise auf die Mechanismen der Evolution möglich. Und dass wir neue Schwerpunkte brauchen, ist wohl auch eine der Überzeugungen Nowaks, wenn er schreibt: „Das größte Anliegen von allen – den Planeten zu retten und die kollektive Lebenszeit von Homo sapiens zu maximieren – kann nicht durch Technologie allein gelöst werden. Wenn wir den Kampf um die Existenz gewinnen wollen … müssen wir jetzt unsere Fähigkeit zu kooperieren ausweiten und verfeinern. Wir müssen vertraut werden mit der Wissenschaft der Zusammenarbeit. “ (Übersetzungen GR)

Wer tiefer einsteigen will:
Bei Youtube gibt es ein Video von einem Vortrag, den Nowak bei der Royal Society of Arts gehalten hat. Nicht zuletzt hörenswert wegen des wunderbaren Arnold Schwarzenegger Englisch :=)

Kurzes Interview mit Nowak in der Wiener Zeitung

Kurzer Artikel über die Wirkmechanismen

Im Magazin Profil ist ein Artikel erschienen, der auch auf den Kampf in der Wissenschaft eingeht, der sich derzeit abspielt – wie so oft, wenn neue Ideen auftauchen: http://www.ped.fas.harvard.edu/publications/press/profil2011.pdf

geschrieben am 1. August 2011 von Gerhard Rothhaupt

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4 Antworten zu “Kooperation als Überlebenselexier – Evolution ist mehr als der Kampf ums Überleben”

  1. Hallo Gerhard!

    Danke für den Hinweis auf das Nowak-Video. Habe ich sehr genossen. Mathematik, Spieltheorie, Altruismus, Egoisus — alles Themen, die mich brennend interessieren. Ich kannte zwar schon die verzeihende Tit-for-tat-Strategie, aber wie Nowak ja schön erklärt hat, ist das noch gar nicht der letzte Schluss der Weisheit. Man muss sich weiter anpassen: blindes Vertrauen ist nicht optimal, aber mehrfaches Verzeihen kann sinnvoll sein. Das war mir neu. Schön auch, dass die Bausteine einer gewinnenden Strategie »großzügig«, »hoffnungsvoll« und »verzeihend« sind.

    Es bleibt für mich allerdings der leicht bittere Nachgeschmack meiner Angst, dass Wettbewerb grundsätzlich verdammt wird. Und so sehr ich Alfie Kohn noch immer in kleinen Gruppen folge (http://www.golf-forum.org/wettbererb.pdf), so ist Wettbewerb auf den Märkten aus meiner Sicht ein ganz wichtiger Baustein für unser Wohlergehen. Die Alternative Planwirtschaft und Monopol endet nämlich immer fürchterlich. Tatsächlich ist es auf einem freien Markt ja auch immer ein Wettbewerb um Kooperation: Ich biete immer bessere Produkte zu immer günstigeren Preisen an, damit der Kunde (freiwillig) vom Konkurrenten zu mir wechselt. Wahrscheinlich siehst du das anders, aber das ist ja nicht schlimm, denn ich bin ja nicht nur für freie Märkte, sondern auch für freien Meinungsaustausch — der mit Empathie natürlich immer mehr Spaß macht (und wahrscheinlich auch produktiver ist) als ohne.

    Liebe Grüße und danke noch mal für das wieder sensationelle Seminar in Plön

    Oliver

  2. […] bedanke mich bei Gerhard Rothhaupt für folgende Links in seinem Blog Visionen & […]

  3. Dirk sagt:

    Ich möchte hier mal auf ein beliebtes Missverständnis hinweisen: „Survival of the fittest“ bedeutet nicht „Überleben des stärksten“. Die wörtliche Übersetzung lautet „Überleben des tauglichsten“, und im biologischen Sinn ist damit das Überleben der Spezies gemeint, die am besten an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst ist. Ferner ist auch keineswegs ein wie auch immer gearteter „Kampf“ zwischen Individuen oder auch Spezies Motor der Evolution. Arten stehen miteinander in Konkurrenz, indem sie Lebensräume besiedeln und sich dort fortpflanzen. Und die geniale Leistung Darwins besteht darin erkannt zu haben, dass diejehnigen Arten die meisten Nachkommen und damit den größten „Erfolg“ haben, die am besten an die jeweiligen Umweltbedingungen angepasst sind und damit gleichzeitig eine genetische Selektion verbunden ist.
    So gesehen kann es auch kaum verwundern, dass Kooperation entscheidend zur „Fittness“ einer Art beiträgt.

    Der sogenannte „Kampf uns überleben“ geht mithin nicht auf Darwin zurück und hat auch absolut nichts mit der Evolutionstheorie zu tun. Diese Fehldeutung ist vielmehr ein beliebtes Mittel all jener Verfechter einer Leistungs- und Konkurrenzgesellschaft, die versuchen ihre Ideologie auf ein naturwissenschaftliches Fundament zu stellen. Und es wundert mich schon nicht wenig, dass ein promovierte Biologe diese Fehldeutung hier wiederholt.

  4. Hallo Gerhard,

    ich halte es für nicht sinnvoll die Evolutionstheorie für Schlussfolgerungen dieser Art in den Kontext von GFK und von Ethik zu bringen. Die Evolutionslehre beschreibt keinen Kampf gegeneinander oder gar eine gezielte Selektion des Stärkeren. Das entstammt gezieltem Missbrauch aus der Nazi Zeit. Das sollte Völkermord und Krieg rechtfertigten. Leider verbreitet sich eine so falsche Interpretation noch heute eben so wie sich jetzt eine ethisch gefällige Umdeutung zu verbreiten scheint.
    Die Evolution selektiert nicht die besten oder die optimal angepassten. Die Evolutionstheorie beschreibt lediglich, dass ein Lebewesen, welches z.B. durch Tod oder andere Einflüsse an der Vermehrung sich nicht mehr beteiligen kann, seine genetischen Informationen auch nicht an die nächste Generation weiter geben kann. Es vermehren sich also nur die Lebewesen, welche zumindest hinsichtlich Vermehrung ausreichend an ihrer Umwelt angepasst sind. Ausreichend reicht!
    Wir haben keine Basis, um aus diesen mathematischen und statistischen Prinzipien ethische oder politische Standpunkte zu generieren. Wir können das Wissen vielleicht nutzen, um ganz andere als genetische Informationsselektionen in Gesellschaften zu betrachten und daraus auch Schlüsse ziehen. Wir können erklären, warum Informationen wie z.B. Ideen und Weltsichten sich durchsetzten, sich verbreiten, sich verändern und auch wieder verschwinden. Und wir können erfahren, was wir brauchen, wenn wir die von uns gewünschten Ideen verbreiten wollen.

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