Mit dem Wolf tanzen – Ausweg aus der Selbsthypnose

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Wann immer wir in einen Konflikt geraten, läuft unser Hirn auf Hochtouren. Noch Stunden nach dem Auslöser sind wir unter Umständen damit beschäftigt, was der andere doch für ein rücksichtsloser Sack ist, dass es doch wohl das Mindeste wäre, dass …, dass wir aber auch zu blöd sind, weil wir es uns haben gefallen lassen. Wir sind damit beschäftigt, was wir und der andere doch besser tun oder lassen sollten, wie gemein, unangemessen etc. das doch ist… Dabei denken wir in aller Regel immer wieder die gleichen Sätze mit mehr oder weniger Variationen. 10 Mal, 100 Mal, 1000 Mal. Aus meiner Sicht ist das eine Selbsthypnose, die wir da betreiben. Und wie wir aus der Hirnforschung wissen werden damit bestimmte Denkautobahnen gebaut, die besonders einfach zu aktivieren sind. Der wirklich große Nachteil liegt aber darin, dass wir in unseren Gedanken gefangen bleiben und die Verbindung zu uns und dem, was wir wirklich brauchen verlieren. Wir sind quasi Sklaven unserer schon vorher angelegten Denkautobahnen, wenn wir nicht ganz bewusst andere Wege einschlagen.

Immer wieder wird empfohlen, in sich hineinzuspüren und die eigenen Gefühle zu fühlen. Mir gelingt das nur dann, wenn ich nicht zu sehr mit meinen Gedanken beschäftigt bin. Es funktioniert also nicht, wenn ich es am Nötigsten brauche. Marshall Rosenberg, der Erfinder der Gewaltfreien Kommunikation empfiehlt in diesen Fällen, erst mal das wahr zu nehmen, was ist.

Praktische Selbstempathie ist die Kunst in den unterschiedlichsten Situationen möglichst situationsangemessen mit den eigenen Gefühlen und Bedürfnissen in Kontakt zu kommen und aus diesem Kontakt heraus das eigene Leben von Moment zu Moment zu gestalten.

Dabei genügt es nach meiner Erfahrung in vielen Situationen nicht, nur einfach in mich hineinzuspüren, weil ich sonst nämlich überhaupt nicht über meine Gedankenbarriere hinauskomme. Ich möchte in diesem Blog eine eigene Reihe zur praktischen Selbstempathie aufbauen, um Menschen darin zu unterstützen, ihre eigene Kunstfertigkeit zu entwickeln. Dazu biete ich verschiedene Gedanken, methodische Hilfsmittel und eigene Erfahrungen an.

Rosenberg nennt das Sammelsurium (oder Chrüsi Müsi wie die Schweizer sagen) in unserem Kopf die Wolfsshow. Und er empfiehlt, diese Show voll und ganz auszukosten. Es ist wie in einem Kinofilm. Auf der Leinwand spielt sich alles ab mit viel Action oder ruhigen Bildern, mit Dolby Surround, Rückblenden, Einblenden, Begleitmusik und natürlich Hauptdarstellern. Wie im Kino haben wir am meisten davon, wenn wir uns nicht nur auf die nüchternen Fakten konzentrieren, sondern es wirklich in der Farbigkeit wie es in uns ist, zulassen. Und wie im Kino geht es darum, mindestens in einer Ecke bewusst zu bleiben, dass das, was da passiert nicht die Realität ist, sondern der Film, den uns unser Kopf vorspielt, gespeist von dem Auslöser der Situation, aber auch von alten Erfahrungen, Schmerzen, Freuden und dem was man uns beigebracht hat, wie die Dinge zu sein haben.

Das bewusste Zulassen und Beoachten der eigenen Wolfsshow ist für mich und Menschen, die ich begleite immer wieder eine wunderbare Erleichterung und der Einstieg in eine ganz neue Betrachtungsweise. Wenn wir aus dem Karussell aussteigen und von außen drauf schauen, entdecken wir oft wertvolle Hinweise auf unsere Bedürfnisse in der Wolfsshow.

Und hier eine kurze Anleitung für eine gelungene Vorstellung

  1. Entscheiden Sie sich bewusst dazu, die Wolfsshow aus dem halb und Unterbewussten zu holen, zuzulassen und zu nutzen, um ihre Welt in Einklang mit Ihren Bedürfnissen zu gestalten. Suchen Sie sich einen geeigneten Ort, um damit zu sein. Manchmal ist der Ort einfach in Ihnen, manchmal ist es gut, kurz aufs Klo zu gehen, in einen ungestörten Raum, zu einem Freund oder raus in die Natur.
  2. Erinnern Sie sich: Das was ich jetzt sehe, ist die Geschichte, die mir mein Gehirn erzählt, es ist meine Realitätssicht, nicht unbedingt die „objektive Realität“. Alles darf sein und ich entscheide später, wie ich damit umgehen will.
  3. Los geht’s. Lassen Sie dem was da in Ihnen ist freien Lauf. Ganz konkret und praktisch hat es sich für mich bewährt, diese Wolfsshow in irgend einer Form nach außen zu bringen. Sei es, in dem ich sie einem Dritten ungeschönt und mit all den Emotionen erzähle, sei es, dass ich sie aufschreibe, male, in meiner Kammer ausspreche oder in den Wald schreie. Erst durch dieses nach außen bringen, treten wir heraus aus unserer inneren Hypnose und können dann irgendwann auch von außen auf das schauen, was da in uns los ist und das Gold bergen.
  4. Geben Sie dem so viel Zeit wie sie haben oder wie es braucht. Wenn Sie genug haben, können Sie eintreten in die 4 Schritte der Gewaltfreien Kommunikation und sich anschauen, was denn nun tatsächlich der Auslöser war und sich auf das konzentrieren was Sie brauchen und wie sie handeln wollen in Einklang mit Ihren Bedürfnissen und Werten.

Eine weitere Bemerkung: Wenn der Prozess der Gewaltfreien Kommunikation stockt, hat es oft damit zu tun, dass wir der Wolfsshow nicht genug Raum gegeben haben. Dafür finden wir viele scheinbar gute Gründe: „So schlimm ist es nicht“, „da steh‘ ich drüber“, „So schlecht denk‘ ich nicht über Andere“, „Was soll das bringen, das zieht mich doch nur noch tiefer rein“, „negative Gedanken verschmutzen mein Karma“ – oder was auch immer.

Meine Einladung: Probieren Sie es aus, gehen sie in die Wolfsshow hinein und hindurch. Nehmen Sie sich die Zeit, die es braucht: Manchmal wenige Sekunden, manchmal Wochen. Und vor allem: Gehen Sie immer wieder zurück zur Wolfsshow, wenn Sie merken, dass da noch etwas ist an Verurteilungen, unterbewusstem Rumoren etc. Erleben Sie wie es ist, wenn Sie sich selbst ernst nehmen und wahrhaftig und liebevoll anschauen, was in Ihnen ist.

geschrieben am 27. April 2010 von Gerhard Rothhaupt

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2 Antworten zu “Mit dem Wolf tanzen – Ausweg aus der Selbsthypnose”

  1. Astri Lichte sagt:

    Gerade habe ich über youTube deine Seite entdeckt und bin ganz begeistert von den Beiträgen und der Gestaltung.
    Immer wieder erlebe ich bei mir und auch bei anderen, dass die Selbstempathie tatsächlich nur dann „funktioniert“, wenn die Wolfsshow so ausgiebig stattfinden darf, wie du es hier geschildert hast. Und wenn alles gesagt (und von mir selber gehört ) wurde, dann kann echte Heilung stattfinden – nicht nur für diese eine Situation, sondern für viele vergleichbare.
    Danke für den Artikel.
    Ich bin auch ganz angetan, wie einfach ich ihn ausdrucken konnte.

  2. Ulrich Just sagt:

    Hallo Gerhard,
    das nach Außen bringen ist aus meiner Sicht, EIN wichtiger Schritt (ich kenne das u.a. aus d. Systemischen Therapie als „Externalisieren“
    ============
    „…mich bewährt, diese Wolfsshow in irgend einer Form nach außen zu bringen….Erst durch dieses nach außen bringen, treten wir heraus aus unserer inneren Hypnose und können dann irgendwann auch von außen auf das schauen, was da in uns los ist und das Gold bergen.“(Gerhard )
    „…Und wenn alles gesagt (und von mir selber gehört ) wurde…“(Astri Lichte)
    ============
    Der entscheidende Punkt, scheint mir (‚aber‘) zu sein, eine Bereitschaft zu haben, dieses „nach-außen-Gebrachte“ anschauen und entdecken zu wollen, was da drin steckt.
    Ansonsten müsste das laute – und oft sogar wiederholte -Klage in Gegenwart anderer („Tratschen“)n z.B. über andere Nachbarn, Kollegen, Chefs bereits eine ‚heilsame‘ Wirkung haben – das entspricht leider nicht meinen Beobachtungen und eigenen Erfahrungen.

    Viele Grüße

    Ulrich

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