Schicksalssymphonie und Freiheitsblues

Von Gerhard Rothhaupt und Thomas Diener

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Tomsk / Rossi / pixelio.de

„Der freie Mensch glaubt an die Bestimmung und daran, dass sie seiner bedarf: sie gängelt ihn nicht, sie erwartet ihn, er muss auf sie zugehen und weiß doch nicht, wo sie steht; er muss mit dem ganzen Wesen ausgehen, das weiß er. Es wird nicht so kommen, wie sein Entschluss es meint; aber was kommen will, wird nur kommen, wenn er sich zu dem entschließt, was er wollen kann.“ Martin Buber (Ich und Du)

 

Mein Haus
Mein Auto
Meine Yacht
Meine Frau

Wir alle kennen ihn, den smarten Herrn von der Bankenwerbung. Und wer die gängigen Erfolgsbücher gelesen hat, der weiß auch, dass es mit Vermögensmanagement allein nicht getan ist. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Ziele braucht der Mensch – und er muss sie ordentlich formulieren, dann kann er alles erreichen. Und wer das nicht macht, ist selber schuld. Dabei verschweigen die tollen Erfolgsratgeber gern etwas, was der zielabstinente Teil der Bevölkerung intuitiv oder aus Erfahrung weiß: Wenn die großen Ziele erreicht sind, kommt häufig der Katzenjammer. Und die Angst vor diesem Katzenjammer verhindert, dass ich mir überhaupt Ziele setze.

Wir meinen, dass es in Bezug auf das Thema Lebensplanung und Berufung hier ein großes Missverständnis gibt. Hier geht es nicht um das Setzen von Zielen. Wir alle streben nach einem Sinn, nach Erfüllung im Leben, nach einer Betätigung, die uns entspricht. Und dabei geht es um mehr als um irgendein Talent. Es geht um das Finden von Zielen, das Zulassen.

 

„Ziele? Was sind sie? Ahnung – verhüllt – aufstrahlend i
n einem Leck dessen, was sie verbirgt
für Sekunden leuchtend – Geschenk – Verlockung – Magnet – Vision –
schnell wieder schwindend und dennoch da.
In dir. „
J. E. Behrendt (Es gibt keinen Weg – nur gehen)

 

Wenn Menschen sich in ihrer Lebensplanung beraten lassen, fragen sie meist: „Was kann ich machen“. Die Frage: „Was will ich“ wird seltener gestellt. Es ist ja auch irgendwie eine seltsame Frage, da nur wir selber sie beantworten können.

Tatsächlich haben wir die große Freiheit, uns beliebige Ziele zu setzen. Wir können auch lernen, das besser zu tun, was wir wollen. Wir wissen jedoch nicht viel darüber, woher unser Wollen eigentlich kommt. Plötzlich kommen wir in einen Bereich, auf den wir offensichtlich wenig Einfluss haben. Wir können vielleicht tun, was wir wollen, aber wir können nicht wollen, was wir wollen! Wer herausfinden will, was sie/er auf einer tieferen Ebene will, sollte sich genau anschauen, was sie/er tut. Nicht das was wir gerne tun würden oder was wir tun sollten, gibt uns Auskunft über unsere Intention. Wichtig sind allein unsere Handlungen und das, was daraus geworden ist:

Lassen Sie noch einmal wesentliche Entscheidungen und Wendepunkte ihres Lebens Revue passieren. Was haben sie in diesen Situation gemacht? Was haben Sie bezweckt? Ist es eingetreten? Oder kam es ganz anders als gedacht? Und jetzt bewerten Sie diese Entscheidung, diese Wendung nochmals aus jetziger Sicht. Stellen Sie sich vor, es gibt eine Absicht hinter der Absicht. Was könnte diese Absicht hinter der Absicht gewesen sein? Welchen Sinn macht die Entscheidung/die Wende aus Ihrer jetzigen Sicht? Wo hat es Sie hingeführt?

Vielleicht stimmen Sie jetzt mit uns überein, dass es noch eine Instanz hinter unserem freien Willen gibt. Und das ist gut so. Nur da wo sich Freiheit und Schicksal begegnen, entsteht Sinn. Es ist wie in der improvisierten Musik. Nur der erste Ton ist wirklich frei. Alle anderen Töne beziehen sich auf diesen Ton. Nur wenn die Töne aufeinander bezogen sind, entsteht Musik. Ich stelle meine Kreativität – meine Freiheit mit den Tönen umzugehen – in den Dienst des Musikstückes. Es entsteht eine enge Wechselwirkung zwischen Dienen und Gestalten und je enger diese Wechselwirkung ist, desto mehr kann das Eigentliche – die Musik – sich entfalten.

Doch was heißt das alles konkret? Sollen wir aufhören zu suchen, wie es so oft heißt – uns in unser Schicksal ergeben? Leider löst das unsere Probleme nicht, wir verwenden dann einfach ein anderes Wort und die neue Frage lautet: Was ist mein Schicksal? Erlauben Sie sich, Träume zu haben, die Ihnen Energie geben und Bilder zu entwickeln, wie Sie in Zukunft leben möchten. Wenn Sie gleichzeitig ganz wach sind für das, was der Augenblicklich von ihnen möchte – halten Sie doch für einen Atemzug inne und spüren sie dem nach – sind sie sofort auf einer spannenden Reise. Ihre Zukunft und Ihre Ziele werden zum Bestandteil einer reicheren Gegenwart und ihre Handlungen gewinnen eine ganz neue Kraft. Das Leben beginnt zu atmen, ihre Handlungen werden freier und doch präziser und ihre Vision steht nicht mehr als Ideal im abstrakten Raum sondern wird zu einer Kraft, die jeden Moment in ihr Leben eingreifen kann. Sie wird zum Grundthema einer sich ständig entwickelnden Improvisationen. Der Freiheitsblues der Schicksalssymphonie.

 

Die Autoren arbeiten als Laufbahnberater in Göttingen und Zürich. Weitere Artikel und Informationen finden sich im Internet unter www.visionenundwege.de und www.fairwork.com.

geschrieben am 11. Januar 2013 von Gerhard Rothhaupt

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