Verletzlich, berührbar, mutig

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In vielen Workshops taucht das Thema auf, dass ich mich verletzlich mache, wenn ich in einem Gespräch zeige, was in mir lebendig ist. Die Frage ist dann: Wie kann ich das vermeiden?

Auch mich hat diese Frage viel beschäftigt bis ich sie zu ihrem Ursprung verfolgt habe. Und an diesem Ursprung habe ich einiges über das mir eingepflanzte Glaubenssystem gelernt. Ich habe Sätze in mir gefunden wie „Verletzlichkeit ist etwas, das es zu vermeiden gilt, zu minimieren, zu eliminieren.“ „Wenn ich mich verletzlich zeige, bin ich schwach, werde ausgenutzt, letztlich vernichtet. Denn in unserer Welt überleben nur die Starken.“

Für mich waren Schwäche und Ohnmacht lange unter allen Umständen zu vermeidende „Zustände“ – und wenn sie schon nicht zu vermeiden waren, dann habe ich sie zumindest nicht zugegeben, weil das zu gefährlich war. Folgerichtig habe ich mir einen dicken Panzer zugelegt, um nicht verletzlich zu sein, um zu verhindern, dass ich verletzt werde. Dieser Panzer geht bis tief in die Zellen und steht zwischen mir und dem unmittelbaren Erleben der Welt. Er verhindert nicht nur, dass ich verletzt werde, sondern auch, dass ich berührbar bin.

Und wenn ich genau hinspüre ist es doch genau das, was ich will: Wirklich berührt werden – von der zärtlichen Hand, vom Gespräch, von der Schönheit der vertrockneten Blüte im Schnee, von den Geschenken, die ich erhalte. Aber auch vom Schmerz, meinem eigenen und dem anderer, vom Schicksal einzelner und vieler. Ohne mich zu verlieren im Mitleid, doch mit echtem Mitgefühl.

Mein Panzer „schützt“ mich also auch davor, dass sich meine tiefe Sehnsucht erfüllt. Die Frage ist: schützt er mich wirklich davor, verletzt zu werden? Nur auf der Oberfläche. In Wirklichkeit gehen die Verletzungen durch den Panzer und lagern sich dahinter ab. Das einzige, was der Panzer wirklich bewirkt, ist, dass ich weniger spüre – weniger Verletzung, Freude, Berührung. Und je länger ich den Panzer trage, desto tauber, fühlloser werde ich. Und um diese Taubheit nicht zu fühlen, kann ich mich dann noch mehr betäuben mit Alkohol, Arbeit, Sex, Konsum, Internet…Und letztlich gilt: Das Leugnen von Schmerz, ist der Beginn des Leidens.

Dieser Preis ist mir seit vielen Jahren zu hoch. Deshalb versuche ich eine neue Frage zu stellen: „Wie kann ich mit meiner Verletzlichkeit und den unvermeidlichen Verletzungen leben, ohne mein Herz zu verschließen?“. Dies erfordert eine neue Form von Mut: Den Mut zu mir zu stehen, den Mut, Gefühle zu zeigen, mich zu zeigen. Und so wird, der Mut, sich verletzlich zu zeigen, unverzichtbar für echte Authentizität. So wie Brene Brown es formuliert: „Authentizität zu wählen, bedeutet, den Mut zu haben,  nicht perfekt zu sein und uns zu erlauben, verletzbar zu sein“. Ich will mein Leben ganz leben und nicht nur die scheinbar starken Anteile. Ich will berührbar sein und nehme dafür Verletzbarkeit in Kauf. Und mit jedem mutigen Schritt, mit jedem mal, das ich mich traue mich wirklich zu zeigen, auch auf die Gefahr einer Verletzung hin, merke ich, dass ich stärker werde. Nicht in dem Sinne von „Was mich nicht umbringt, macht mich nur noch härter“, sondern in einem neuen Sinn. In diesem neuen Sinn gehe Stärke und Weichheit, Berührbarkeit eine neue Allianz ein. Hier kommt die Stärke nicht daraus dass ich mein Herz verschließe, sondern es öffne und verbunden bleibe mit meiner Wahrheit und dem Wissen, dass ich in Ordnung bin. Hier bleibe ich in Verbindung mit mir, der Welt und dem Anderen und ziehe mich nicht in meinen Panzer zurück.  Mich  schützen bedeutet dann, wie es Rachel Naomi Remen
ausdrückt, nicht mehr „sich vor dem Leben zu verstecken. Es bedeutet, einen Ort der Stärke in uns zu finden, von dem aus wir das Leben, leben können, das uns gegeben wurde mit größerem Mut und manchmal sogar mit Dankbarkeit“.

Mehr zum Thema:

englisches Video von Brene Brown “ Die Kraft der Verletzlichkeit“ (mit Klick auf die Schaltfläche „CC“ direkt unter dem Video lassen sich Untertitel auf englisch und in deutscher Übersetzung aktivieren)

geschrieben am 2. April 2011 von Gerhard Rothhaupt

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Eine Antwort zu “Verletzlich, berührbar, mutig”

  1. Dirk sagt:

    In der japanischen Kultur gibt es einen anderen Weg, Empfindsamkeit und Schutz vor Verletzung miteinander zu vereinbaren. Nach außen ersetzen Etikette und Rituale weitgehend spontane Gefühlsäußerungen. Spontanität bleibt beschränkt auf wenige Anlässe und den engen Kreis wirklich vertrauter Menschen. Die eigene Gefühlswelt wird nur in diesem geschützten Rahmen offenbart, dann aber praktisch ohne jede Einschränkung.
    Darunter gibt es aber noch eine philosophische Ebene, die den gleichen Wurzeln entstammt wie Zen und Taoismus. Es ist die Einstellung, dass wir nicht leben um glücklich zu sein und das unsere individuelle Existenz eigentlich völlig bedeutungslos ist. Wichtig sind vielmehr die Aufgabe die wir erfüllen und der Platz, den wir im Leben einnehmen. Ein erfülltes Leben führt, wer seine Aufgabe erfüllt, und das ist in letzter Konsequenz nur möglich, wenn Gedanken, Gefühle und augenblickliches Handeln ganz im Einklang miteinander stehen. Verletzungen sind dabei ein Hinweis entweder auf einen mangelnden Einklang oder ein unnötiges Reflektieren über die eigene Individualität. Sie sind damit zwar unangenehme, nichts desto trotz willkommene „Lehrmeister“. Sie werden angenommen als unvermeidliche Begleiterscheinungen eines stetigen Lernprozesses. Das Credo dieser Einstellung ist uns wohlbekannt, wenngleich meist zur inhaltslosen Phrase verkommen: „Der Weg ist das Ziel“.
    In unserer Kultur hingegen sind wir geprägt vom Glauben an individuelle Glückseligkeit. Daraus entsteht nahezu automatisch Konkurrenz, und damit auch eine ständige Angst vor Niederlage und Verletzung. In unserem gesellschaftlichen Rahmen bedarf es in der Tat sehr viel Mut und großer innerer Stärke, sich Verletzlichkeit und Empfindsamkeit zu erhalten.

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