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Die Mär vom Krieg der Frieden schafft

Flickr/Patrick M. Loeff

Flickr/Patrick M. Loeff

Wir leben in einer Zeit, in der wir die Auswirkungen jahrzehntelanger struktureller und direkter Gewalt immer mehr zu spüren bekommen. Gerade nach den Anschlägen von Paris und Istambul wird die Debatte so geführt, als ob Krieg und Härte das Gebot der Stunde und die einzige Möglichkeit wären, um mit der scheinbar neuen Bedrohung umzugehen. Sicher geht es darum, dass wir beherzt und klar Maßnahmen ergreifen, die die Sicherheit in der Welt, den Frieden und das Miteinander verbessern. Es ist allerhöchste Zeit dafür und der aktuelle Anlass könnte ein guter Anstoß sein.

Ich bezweifle jedoch, dass weiterer Krieg die einzige oder auch nur beste Möglichkeit ist, für Sicherheit und Frieden zu sorgen. Ich habe Zweifel, dass im Moment wirklich weise abgewogen wird, was uns unserem gemeinsamen Wunsch nach Frieden und Sicherheit auf der Welt näher bringt. Stattdessen regieren (nicht wirklich bewusst gefühlte) Ängste und wohl auch Machtinteressen. Wenn wir innehalten würden, müssten wir auch unsere Ohnmacht spüren und aus dem wirklichen Spüren von Ohnmacht, Angst und Wut und Trauer könnte dann wirklich kreative klar gerichtete gemeinsame Handlung jenseits von Aktionismus entstehen.

Ein Schritt dahin kann sein, die tausendfach wiederholten Glaubenssätze zu hinterfragen, die scheinbar so alternativlos daherkommen. Aus meiner Sicht ist in weiten Teilen der Politik und Gesellschaft eine Art kollektiver Hypnose im Gange. Einige dieser hypnotischen Sätze möchte ich in diesem Artikel hinterfragen und auf weiterführende Artikel hinweisen.

Meine Punkte dabei:
1) Es gibt nicht nur die Alternative „Nichtstun“ oder Gewalt und Krieg

2) Krieg ist nicht geeignet Terrorismus zu bekämpfen, er ist eher ein schneller Brüter für Terroristen

3) Die menschlichen, infrastrukturellen und finanziellen Zerstörungen eines Krieges sind riesengroß und werden kaum wirklich abgewogen mit dem Nutzen

4) Die aktuelle Terrorismuswelle ist beängstigend, aber nicht die größte Bedrohung unserer Zeit

5) Der Westen sind nicht einfach Opfer der Terroristen. Er ist auch brutaler Akteur und aktiver Beteiligter in einem Teufelskreislauf der Gewalt.

6) Die „Willkommenskultur“ in Deutschland ist vielleicht der größte Beitrag zum Frieden und zu Sicherheit

Es gibt nicht nur die Alternative „Zuschauen und Nichts Tun“ oder Krieg

Sicherlich ist es in einer Situation wie wir sie jetzt mit dem IS erleben, Zuschauen und nichts tun, keine Möglichkeit, für die ich mich entscheiden möchte. Doch es stimmt einfach nicht, dass die einzig erfolgversprechende Alternative dazu der Einsatz massiver militärischer Gewalt ist. Es gibt immer eine Vielzahl von Maßnahmen, die wir ergreifen können, nicht nur militärische (s. hierzu den Artikel von Christine Schweizer in „nichtmilitärische Optionen gegen den Islamischen Staat“ ). Egal was wir tun, wir müssen uns auch einfach der Wahrheit stellen, dass es in einer Situation, wie wir sie jetzt erleben, keine kurzfristigen Lösungen gibt.

Auch Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung sind sicherlich keine schnelle Wunderwaffe. Doch die Chancen stehen gut, dass die Kosten in Form von Menschenleben, zerstörten Städten und Landschaften, Traumatisierungen etc. deutlich geringer sind. Dass gewaltfreie Alternativen meist auch erfolgreicher sind,  zeigen u. A. die breit angelegten Untersuchung von Erica Chernowich und Maria Stephen zum Erfolg gewaltfreier Revolutionen.

Wer mehr dazu erfahren will, lese den spannenden Artikel von Dieter Becker-Hinrichs „Menschen schützen – mit aller Gewalt oder gewaltfrei?“. Ausführlichere Informationen über „nichtmilitärische Optionen gegen den Islamischen Staat“ gibt es in einem Artikel von Christine Schweizer vom Bund für soziale Verteidigung. Schließlich nennt Jürgen Todenhöfer einige wichtige Schritte zur „Trockenlegung des IS“. In seinem Buch „Inside IS“ beleuchtet er die Situation sehr differenziert und engagiert.

Der so genannte „Krieg gegen den Terror“ im Irak und Afghanistan hat den Terrorismus nicht verringert, sondern enorm verstärkt.

Aus einigen hundert gewaltbereiten islamistischen Terroristen wurden viele tausend. Der sogenannte Islamische Staat ist genau in dieser Zeit und under den Bedingungen des Krieges zu seiner jetzigen Stärke angewachsen. Und das nicht trotz des Krieges, sondern wegen. Unterdrückung, der Verlust von Angehörigen, Folter, Invasion, Missachtung der eigenen Bräuche, Verlust von Hab und Gut etc. gehören zu den normalen Begleiterscheinungen eines Krieges. All das nährt Wut und Verzweiflung und Ohnmacht und die wiederum veranlasst Menschen dazu, sich dem IS und anderen Organisationen anzuschließen. Noch einmal: Der Krieg gegen den Terror, den der Westen seit über 10 Jahren führt, hat die Situation auch in Europa nicht entschärft, sondern enorm verschärft.

Mit Krieg lässt sich kein dauerhafter Frieden und keine Sicherheit schaffen. Diese schlichte Wahrheit ist leider sehr schwer auzunehmen.

Eine Mutter beklagt den Tod Ihres Sohnes, der in Syrien getötet wurde. Flickr/Freedom House

Eine Mutter beklagt den Tod Ihres Sohnes, der in Syrien getötet wurde. Flickr/Freedom House

1,7 Millionen Tote? Die Kosten des Krieges

Die militärische Option befreit uns scheinbar aus unserer Ohnmacht und befriedigt unseren Wunsch wirkungsvoll zu helfen. Doch die scheinbare Hilfe entpuppt sich bei näherem Hinsehen als brutale Zerstörung und als Öl im Feuer. Krieg bringt unglaubliches menschliches Leid mit sich. Allein die Anzahl der getöteten Menschen ist so erschreckend, dass man sie glauben kann: Nach Angaben der Ärzte zur Verhinderung des Atomkrieges (IPPNW) hat der „Krieg gegen den Terror“ im Irak, in Afghanistan, in Pakistan und anderen Ländern 1,7 Millionen Tote gefordert. Andere Quellen sprechen von „nur“ 700.000 Toten. Wollen wir wirklich, dass andere Menschen einen solchen Preis zahlen für unsere Illusion von Sicherheit und Macht? Hinzu kommen zerstörte Städte, bombenverseuchte Landschaften, zerstörte soziale Strukturen, Hunger, massenhafte Traumatisierungen … Sind das wirklich angemessene Kosten?

Die aktuelle Terrorismuswelle ist beängstigend, aber nicht die größte Bedrohung unserer Zeit

Sicher ist es schrecklich, was gerade passiert. Doch es ist bei weitem nicht die größte Bedrohung. Neben dem bevorstehenden Klimawandel und der Zerstörung ganzer Lebensräume, möchte ich einige Zahlen ins Bewusstsein bringen:  Seit der Wiedervereinigung wurde in Deutschland kein Mensch Opfer eines islamistischen Anschlags. In der gleichen Zeit wurden 75 Menschen bei 69 Anschlägen mit rechtsextremem Hintergrund ermordet (s. Die Zeit vom 27.7.2015)

Jedes Jahr sterben  über 300.000 Deutsche an Herz-Kreislauf-Krankheiten sterben, über 200.000 an Krebs, 100.000 an den Folgen des Rauchens, über 3000 durch Verkehrsunfälle, 600 durch ‚Mord und Totschlag‘, 20 durch Wespenstiche, 5 durch Blitzschläge und unzählige durch Unfälle. Sicherlich weißen all diese Todesursachen Unterschiede zur Bedrohung durch Terroranschläge auf. Doch ist es aus meiner Sicht wichtig, auch die Dimensionen im Auge zu behalten.
Die Anzahl der Toten durch islamistisch motivierte Terroranschläge beträgt seit dem 11. September 2001 ca. 5.000 – eine fürchterliche Zahl, aber nicht die größte Bedrohung unserer Zeit – zumindest wenn wir besonnen handeln und nicht weiter Teil der Eskalationsspirale bleiben.

Der Westen ist nicht einfach Opfer der Terroristen. Er ist auch brutaler Akteur und aktiver Beteiligter in einem Teufelskreislauf der Gewalt.

Man muss nicht zurückgehen zu den Kreuzzügen, die letztlich Vernichtungsfeldzüge waren. Auch heute ist der Westen und allen voran die USA ein aktiver Treiber im Kriegsgeschehen. Bei Drohnenangriffen wurden in den letzten Jahren 3.000 bis 4.000 Menschen gezielt ermordet. Ohne Gerichtsurteil oder Ähnliches. Der Unterschied zu Terrorismus ist für mich hier nicht klar. Überall auf der Welt gibt es Foltergefängnisse, Menschen sitzen seit Jahrzehnten mittlerweile ohne Gerichtsverfahren in Gefängnissen der USA, immer wieder wird von schrecklichen Demütigungen durch westliche Soldaten berichtet, die Anzahl der Todesopfer war schon Gegenstand …

Flickr/Carlos López Molina

Flickr/Carlos López Molina

Die „Willkommenskultur“ in Deutschland ist vielleicht der größte Beitrag zum Frieden und zu Sicherheit

Und zum Abschluss noch das Hoffnungsvolle: Frieden und Sicherheit entstehen aus meiner Sicht aus Vertrauen, aus Miteinander und aus erfahrenem Mitgefühl. All das passiert in Deutschland gerade massenhaft und damit wird die Basis für langfristigen Frieden in Deutschland und anderswo geschaffen.

4 Kommentare zu “Die Mär vom Krieg der Frieden schafft”

  1. Dirk sagt:

    Lieber Gerhard,

    danke für diese Zusammenstellung von Fakten und Argumenten! Wenn es um staatlich sanktionierte Gewalt und Krieg geht, ist es nicht nur wichtig, es ist unserere Pflicht zu hinterfragen, ob diese Gewalt wirklich gerechtfertigt ist und tatsächlich dem Wohl unserer Gemeinschaft dient.

    Die reflexartigen Reaktionen auf die jüngsten Terroranschläge haben eine lange Tradition und folgen einer Strategie, die seit Beginn unserer Zivilisation entwickelt und perfektioniert wurde. Krieg ist nach meinem Verständnis nichts anderes als der erfolgreiche Versuch von Machteliten ihre Untertanen für die eigenen partikulären und egoistischen Interessen kämpfen zu lassen. Das Vorgehen ist dabei seit Jahrtausenden bewährt: Dem Volk wird eine äußere Bedrohung suggeriert, die so groß und existenzbedrohend ist, dass sich nun alle mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln dagegen wehren müssen. Damit das funktioniert muss die Machtelite vor allem über die Informations- und Deutungshoheit verfügen. Und schon können eigentlich positive soziale Verhaltensweisen, wie die Bereitschaft Angehörige zu verteidigen oder für das Wohl der eigenen Gemeinschaft zu kämpfen, instrumentalisiert werden.

    Es springt einem doch geradezu ins Auge, wie genau die aktuellen medialen und politischen Reaktionen diesem Schema entsprechen!

    Wer dieses Muster aber einmal durchschaut hat, der ist ein für alle Mal untauglich für jeden Kriegsdienst. Denn wer will schon seinen Kopf hinhalten, nur damit irgendein Mächtiger im Amt bleibt oder Oligarchen sich weiterhin ungeniert bereichern können? Wer will dann noch auf Menschen schießen, die ihn weder bedrohen, noch irgendwelchen Streit mit ihm haben? Kriege werden geführt, weil wir uns verarschen lassen.

    Auch der sogenannte „islamistische Terror“ ist ein solches Bedrohungskonstrukt. Der Islam ist für die streng hierarchisch und autoritär strukturierten Terrororganisationen doch ebenfalls nichts weiter als ein Instrument zur Rechtfertigung ihrer Kriegshandlungen. Indem wir im Westen zu Ungläubigen erklärt werden, haben alle wahren Muslime nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht Krieg gegen uns zu führen. Und indem wir alle Muslime zu potenziellen Terroristen erklären, haben wir wiederum keine andere Wahl, als uns militärisch zu verteidigen. Da ist sie wieder, die altbewährte Kriegspropaganda.

    Die wirkliche Gemeinsamkeit des sogenannten „islamistischen Terrors“ ist eine andere: Er wendet sich seit mehr als 40 Jahren gegen den Westen und hat seine Basis im Nahen Osten. Er ist eine direkte Folge der seit Ende des 1. Weltkriegs kontinuierlich anhaltenden Interventionen westlicher Mächte in dieser Region, bei denen es letztlich um Eines geht: Die Kontrolle über die größten Erdölreserven des Planeten.

    Auch in Syrien wird längst ein Stellvertreterkrieg geführt: Zwischen Saudi-Arabien und dem Iran, zwischen den USA und Russland, angereichert noch durch die Machtinteressen der Türkei, Israels und Ägyptens. Der Terror aus dem Nahen Osten ist eine direkte Folge von hundert Jahren Machtpolitik und militärischen Interventionen des Westens. Und solange sich an dieser Machtpolitik nichts ändert, wird auch der Terror nicht verschwinden.

    Denn dieser Terror lässt sich nicht mit Gewalt „ausrotten“. Gewalt ist seine Ursache. Verdrehen wir also nicht Ursache und Wirkung. Lassen wir uns nicht weiter verarschen!

  2. Gerhard Rothhaupt sagt:

    Lieber Dirk,

    vielen Dank für die klaren Worte. Auch ich denke, dass Machtinteressen eine ganz große Rolle bei diesen Kriegen spielen und unser Bedürfnis nach Sicherheit immer wieder vor fremde Karren gespannt wird.

  3. Gudrun sagt:

    Lieber Gerhard, Bruder im Geiste, danke für diesen Artikel.
    Und eine kleine Aufmunterung für den Sonntagnachmittag: http://www.amnesty.de/journal/2015/dezember/herr-pinker-rechnet-mit-frieden?print=1. So eine Meinung tut mir zwischendrin auch mal gut.
    In einer der letzten Absätze schreibt Steven Pinker auch: „Die Welt ist friedlicher geworden, weil sich Menschen in der Vergangenheit erfolgreich dafür eingesetzt haben.
    Und wir können die Welt noch friedlicher machen.“ … fühle mich davon angesprochen, zumal ich auch wieder in den Vorbereitungen für die Internationale Münchner Friedenskonferenz (www.friedenskonferenz.info) stecke und dafür ganz schön viel Energie brauche.

  4. Gerhard Rothhaupt sagt:

    Liebe Gudrun,

    ja, die Thesen von Herrn Pinker finde ich auch hoffnungsfroh. Und gleichzeitig gibt es erhebliche Zweifel was die Dimension von weitumspannenden Kriegen angeht. In jedem Fall stimme ich dem von dir zitierten Satz von ganzem Herzen zu. Dir und euch alles Gute bei der Friedenskonferenz!!!

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