Ich vertraue denen, die es nicht wissen

Der andere Blickwinkel auf die Coronakrise Teil 1.

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Ist Corona gefährlicher als die Grippe? Sind die ergriffenen Maßnahmen sinnvoll? Wird das Gesundheitssystem überlastet sein? Was ist eine passende Erklärung für das derzeitige Geschehen?

Diese und weitere Fragen werden in diesen Tagen heiß diskutiert und wie so oft bilden sich Lager. Und jedes Lager nimmt für sich in Anspruch, zu wissen, was richtig ist. Jedes Lager hat Experten und Studien und massenhaft absolut kugelsichere Argumentationsketten und Indizienbeweise auf seiner Seite. Diskussionen gehen darum, den anderen von der Richtigkeit der eigenen und der Falschheit der gegnerischen Meinung zu überzeugen. Die Suche im Internet bezieht sich v.a. darauf, die eigene Position zu untermauern, die eigene Überzeugungsfestung noch uneinnehmbarer zu machen. In der Politik gilt es vor allem, alles richtig zu machen. Und wehe, es stellt sich heraus, dass jemand einen Fehler gemacht hat. Dann stürzen sich die „Ich-hab’s-gleich-Gewussten“ und „das hätte nicht passieren dürfen“ … auf denjenigen und hacken nach Möglichkeit so lange zu, bis er aufgibt, bis sie ihr Amt zur Verfügung stellt für jemanden, der es besser weiß, mehr Sicherheit zu bieten hat, sich weniger Blößen gibt, die Dinge fest in der Hand hält….

Wie schade! Ich vertraue denjenigen, die nicht vorgeben, dass sie wissen, was richtig ist. Ich vertraue, denen, die immer ein Stück Unsicherheit in sich tragen. Wer in der jetzigen Situation[1] behauptet, er wüsste genau, wie gefährlich das Virus ist, wie sich welche Maßnahmen auswirken werden, … der/die verliert mein Vertrauen. Und nicht nur in dieser Situation.

Und gleichzeitig gibt es die Verlockung der einfachen, monokausalen Erklärungsmodelle. Auch jetzt beobachte ich, wie viele Ansätze kursieren, die ganz sicher wissen, dass die offiziellen Erklärungsmodelle nur Fakenews sind. Hinter all dem steckt wahlweise der Teufel, das Weltjudentum, die Pharmaindustrie, der Club der Superreichen, das Kapital … Egal wer genau der Bösewicht ist: Es gibt immer genau eine Erklärung für das Geschehen. Immer gibt es jemanden, der nicht nur schuld ist, sondern auch grundböse, jemanden, der skrupellos nur die eigenen Interessen verfolgt und über wahrhaft unbegrenzte Macht verfügt, das Weltgeschehen und seine vordergründigen Akteure wie in einem Puppenspiel als Marionetten zu benutzen.

Dann brauche ich entweder das Gute, das in seiner Bedrohtheit alle Register zieht, um im Krieg gegen das Böse zu gewinnen. Oder ich kann sowieso nichts ausrichten und ziehe mich ins Private zurück und beschränke mich darauf, bei jedem neuen Thema wieder mein Erklärungsmodell zu bestätigen.

Ebenso skeptisch bin ich, wenn jemand sagt, diese oder jene Entscheidung sei alternativlos (wie jetzt immer wieder zu hören). Ich wünsche mir, dass Entscheidungsträger verschiedene Alternativen haben und prüfen und sich dann nach bestem Wissen und Gewissen und im vollen Bewusstsein des Nichtwissens für die Alternative entscheiden, die ihnen am hilfreichsten für die Situation erscheint.

Die meisten Entscheidungen, mit denen wir zu tun haben, sind viel zu komplex, als dass jemand wirklich sicher wissen könnte, welche Alternative am zielführendsten ist. Wir können abwägen und ausprobieren, und wir können vor allem wachsam bleiben für die Folgen unserer Entscheidungen und offen bleiben für unterschiedliche Sichtweisen und neue Erkenntnisse[2].

Was ich mir wünsche ist echter tiefgehender Dialog, ist Neugier, ist Zuhören: Dem anderen, den eigenen Gefühlen und der eigenen Stimme, die hörbar wird, wenn ich aufhöre, vor meiner Angst davonzulaufen, still werde und mich sinken lasse. Meine eigene Stimme, die Teil der großen Partitur des Lebens ist und die ich eben nicht im Außen auf dem Marktplatz der Rechthabereien finde.

_________________
[1] D. h. am 21. März 2020 in der Zeit der steigenden Fallzahlen von Coronainfizierten.
[2] Interessanterweise haben der Experte und das Experiment die gleiche lateinische Wortwurzel: experire, das „versuchen, erproben“ bedeutet.

Image by Arek Socha from Pixabay

geschrieben am 23. März 2020 von Gerhard Rothhaupt

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3 Antworten zu “Ich vertraue denen, die es nicht wissen”

  1. ERiK sagt:

    Danke für diesen wunderbaren Artikel – er spricht mir aus dem Herz!

  2. B.L. sagt:

    Danke! Ich hätte es so nicht ausdrücken können, aber ich spüre meine Zellen hüpfen und „Jaaa, genau!“ schreien beim Lesen.

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