Angst – Plädoyer für einen verpönten Veränderungsmotor

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Ich möchte die Rolle der Angst bei Veränderungen etwas näher beleuchten und ihr einen gebührenden Platz im Kreise der Veränderungsmotoren einräumen.

In dieser Coronazeit und auch schon in der Klimadebatte höre ich immer wieder, dass Angst ein schlechter Ratgeber für Veränderungen sei. In spirituellen und persönlichkeitsentwickelten Kreisen ebenso wie in technischen und politischen Kreisen scheint es eine Einigkeit zu geben, dass wir nicht aus Angst handeln „sollten“. Der bewusste Mensch handelt nicht aus Angst, sondern aus der Verbindung mit einer Vision. Der technische und rationale Mensch handelt nicht aus Angst, sondern aus einer kühlen, vernünftigen Analyse der Situation.

Doch wie sieht die Realität aus? Wenn ich auf wichtige Veränderungen in meinem Leben schaue, dann stand in vielen Fällen am Anfang nicht die Kraft der Vision, sondern die angstvolle Einsicht, dass es nicht weiter geht wie bisher. Der Anstoß, neue Wege zu suchen, war allzu oft die Mauer oder der Morast am Ende des alten Weges. Ich behaupte, dass das nicht nur für mich gilt, sondern für viele, wenn nicht die allermeisten anderen Menschen und Entscheidungen. Häufig fangen wir erst an, ernsthaft über Veränderungen nachzudenken und sie tatsächlich auch umzusetzen, wenn wir nicht mehr weiter machen können wie gewohnt. Und wenn es nicht weiter geht und kein gangbarer Weg innerhalb meiner bisherigen Weltsicht erkennbar ist, dann stellt sich automatisch die Angst ein – egal ob ich sie bewusst spüre oder ins Unterbewusste drücke. Die Angst ist genau die Kraft, die wir in dieser Situation brauchen, wenn wir nicht annehmen können, was ist und auch nicht wissen, wie wir es verändern können. Und aus der Angst erwächst Kreativität, wenn wir sie wirklich zulassen und spüren.

Der ideale Mensch der Selbsterfahrungsszene lebt in dauernder bewusster Verbindung mit seinen Bedürfnissen, Visionen und Werten und gestaltet sein Leben in ständiger Anpassung an diese. Er ist quasi ständig gezogen von den Sternen. Der reale Mensch in unserer so durchtraumatisierten Welt, also du und ich, wir spüren diese Vision oft nicht so deutlich (oder gar nicht), wir haben Angst vor Veränderung und machen weiter, so lange wir können. Erst wenn die Angst vor dem „weiter so“ größer wird als die Angst vor Veränderung, machen wir den Schritt in eine neue unbekannte Welt. Erst wenn das Feuer unterm Hintern zu heiß wird, bewegen wir unseren Arsch. Anais Nin drückt es poetischer aus:

Und es kam der Tag,
da der Schmerz, in der Enge der  Knospe zu verharren,
größer wurde als das Risiko zu erblühen.

 

Und daran ist nichts Schlechtes. Es ist einfach so wie es ist. Angst ist ein wichtiger Teil vieler Veränderungsprozesse. Es geht nicht darum, angstfrei zu leben oder die Angst zu überwinden. Es geht darum, sie zu fühlen und durch sie durch zu neuem zu gelangen. Wir können mit der Angst unser Leben und unsere Veränderungen zu gestalten. Getreu dem Satz: „Mut ist nicht die Abwesenheit von Angst, sondern die Einsicht, dass es wichtigeres gibt als die Angst.“ Angst ist ein wichtiger Motor und Ratgeber. Wenn wir lernen, freundlich mit ihr zu sein, kann sie uns enorm hilfreich sein. Wenn wir sie nicht haben wollen kommt sie als Panik im „falschen Moment“ oder als Lähmung und Kleinkariertheit. Das wirklich „gefährliche“ ist nicht die Angst, sondern die Vermeidung der Angst. Wenn wir nicht lernen, unserer Angst zu begegnen und mit ihr zu leben, laufen wir Gefahr, dass die Vermeidung der Angst unser Leben und unseren Gestaltungsspielraum bestimmt. Je mehr wir bereit sind, die Angst zu akzeptieren, sie zu fühlen, auch wenn es extrem unangenehm ist. Desto freier können wir unsere Welt wirklich gestalten und die notwendigen Veränderungen kreativ nutzen. Mehr Hinweise zu einem konstruktiven Umgang mit der Angst gibt es bald auf dieser Seite.

geschrieben am 23. März 2020 von Gerhard Rothhaupt

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2 Antworten zu “Angst – Plädoyer für einen verpönten Veränderungsmotor”

  1. Jane sagt:

    Lieber Gerhard, ich freue mich so, dass Du das Thema Angst angehst und über die Einladung (so empfinde ich es), mit ihr liebevoll umzugehen und offen für Ihre Botschaft zu sein – quasi die Angst vor der Angst kleiner werden zu lassen – mein Thema, juchu! Glg, Jane

    • Gerhard Rothhaupt sagt:

      Ja, die Angst vor der Angst kleiner werden lassen – und dann können wir den Schatz der Angst bergen. Ganz wie Rilke es sagt: Unsere größten Ängste sind wie Drachen, die unsere schönsten Schätze bewachen (oder so ähnlich ;))

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