Was ist Ehrlichkeit? Ein Bekenntnis

Ehrlichkeit ist ebenso wichtig wie Empathie in der GFK

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Ruwadium / Pixabay

Dieser Artikel erschien in der Empathischen Zeit 2-2018, der einzigen professionellen Zeitschrift für Gewaltfreie Kommunikation auf der Welt. Sie bietet vier mal im Jahr spannende Artikel von einer Vielzahl von Autoren zu allem rund um Konfliktklärung, sozialen Wandel und Gewaltfreie Kommunikation.

Ich bin froh, dass die EZ dem Thema Aufrichtigkeit ein Heft widmet. Die Ehrlichkeitsseite ist in meiner Sichtweise leider allzu oft ein Stiefkind der GFK. Daher kommen aus meiner Sicht viele Ressentiments der GFK gegenüber. Wenn wir nicht mehr stinkewütend sind sondern „etwas irritiert“, dann fehlt etwas im Miteinander, wenn die Regeln und Normen der GFK wichtiger werden als das, was in unseren Herzen lebt und bebt, dann fehlt etwas im Miteinander und in meinem Leben. Wenn ich aus Angst vor der Reaktion des Anderen meine eigene Wahrheit nicht einbringe,

MichaelGaida / Pixabay

dann vergebe ich eine Chance auf Miteinander und gemeinsames Wachstum.

Gewaltfreie Kommunikation ist mehr als wertschätzend, mehr als Mitgefühl. Es geht eben nicht um nett sein, sondern um echt sein. Und das macht Angst und braucht genauso viel Übung und Aufmerksamkeit wie die empathische Seite der GFK. Marshall hat den Namen „Gewaltfreie Kommunikation“ in bewusstem Bezug zu Gandhi gewählt, der seine Wahrheit den Engländern, aber auch seinen engeren Verbündeten, „ins Gesicht“ gesagt hat und bereit war, dafür die Konsequenzen zu tragen. Bereit zu sein, für die eigene Wahrheit, die eigenen Werte einzustehen, aufzustehen, sich aufzurichten, das ist für mich im Herzen von Aufrichtigkeit. Das altmodische Wort „Würde“ fällt mir ein.

Doch es gibt nicht nur die kraftvoll nach außen gerichtete Seite der Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit beginnt bei und mit mir selbst: Manchmal ist es schwer, mir ehrlich einzugestehen, wo ich stehe, wie es mir geht, wie „bedürftig“ ich zuweilen bin – das ist wahrlich nicht immer leicht. Dabei wird deutlich, dass Ehrlichkeit der Liebe als Schwester bedarf, um uns wirklich eine Orientierung bieten zu können. „Ehrlichkeit ohne Liebe ist einfach nur brutal – Liebe ohne Ehrlichkeit ist Coabhängigkeit“ hörte ich mal einen Therapeuten sagen.

Meine Bedürftigkeit und scheinbaren „Schwächen“ anzunehmen ist wahrlich nicht immer leicht. Und genauso viel Mut braucht es oft, mich zu meiner vollen Größe aufzurichten, zu meinem Licht ebenso wie zu meinem Schatten zu stehen, mich nicht mehr hinter lange eingeübter Bescheidenheit zu verstecken. Mir zu erlauben, zu spüren, dass ich etwas zu geben habe, dass ich einen Unterschied machen kann, dass ich auf meine ganz eigene Weise schön und ein Geschenk für die Welt bin. Die Aussöhnung mit meinem Licht und mit meinem Schatten nenne ich „Radikale Selbstannahme“ und sie ist wie eine Basis für ein aufrichtiges Leben. Wenn ich immer tiefer mit mir (und vielleicht ja auch mit dem Großen Ganzen) verbunden bin, dann hat Aufrichtigkeit nichts mehr von dem altbackenen moralischen Gebot meiner Kindheit „du sollst nicht lügen“, es geht nicht mehr um das Einhalten von sozialen Normen sondern um das Verwirklichen des eigenen Wesens und darum, meinen vollen Beitrag zu geben. Und dann passen sogar Aufrichtigkeit und „Verrat“ zusammen wie es Oriah Mountain Dreamer so schön in ihrer Einladung formuliert:
Es interessiert mich nicht, ob die Geschichte, die Du mir erzählst, wahr ist.
Ich möchte wissen, ob Du jemanden enttäuschen kannst, um zu Dir selbst ehrlich zu sein,
ob Du es erträgst, daß Dir deshalb jemand Vorwürfe macht
und Du trotzdem Deine eigene Seele nicht verrätst.

Und damit wird Aufrichtigkeit auch eine Brücke zu tiefer persönlicher Freiheit. In Charly Chaplins berühmter Geburtstagsrede heißt es: „Heute mache ich nur das, was mir Spaß und Freude macht, was ich liebe und was mein Herz zum Lachen bringt, auf meine eigene Art und Weise und in meinem Tempo. Heute weiß ich, das nennt man Ehrlichkeit.“ Ob die Rede nun wirklich von Chaplin ist oder nicht, diese Interpretation von Ehrlichkeit, weißt in den Kern. Und sie passt zu Marshalls „Don’t do anything that’s not play“.

geralt / Pixabay

Ehrlichkeit kann Angst machen, „Angst auslösen“ in GFK-konformer Formulierung. Bei dem, der die Ehrlichkeit empfängt und bei dem, der aufrichtig auch das anspricht oder lebt was außerhalb der jeweils scheinbar geltenden Normen ist. Die Angst vor Ausschluss oder anderen schmerzhaften Konsequenzen. Scary honesty, beängstigende Ehrlichkeit, war Marshalls Formulierung dafür. Ich konnte das in mir sehr genau beobachten als ich mir im letzten Sommer endlich eingestand, dass das Etikett Depression sehr gut auf Zustände und Phasen meines Lebens passt, kurz und klar: dass ich damals und auch schon vorher unter Depressionen litt. Ein GFK-Trainer, der depressiv ist? Wie kann das sein? Da muss ich doch wohl etwas falsch machen, eine Mogelpackung sein. Weiß ich doch, dass ich nur meine inneren „muss“ und „solltes“ übersetzen brauche und dann ist es vorbei damit. Wirklich? Mir einzugestehen, dass es so einfach bei mir nicht funktioniert, dass ich Hilfe brauche und mich trotzdem voll und ganz zu fühlen, das braucht Mut. Ebenso wie das öffentliche Zugeben jetzt. Doch warum tue ich es? Schulz von Thun hat einmal geschrieben: „wer immer ganz offen ist, kann ja nicht ganz dicht sein“ und damit sein Konzept von selektiver Authentizität auf den Punkt gebracht. Aufrichtigkeit ist eine bewusste Entscheidung und wie jede bewusste Entscheidung birgt sie die Gefahr, dass ich hinterher merke, dass es anders läuft als gedacht.

Also warum tue ich es? Aus all den oben genannten Gründen. Und weil ich überzeugt bin, dass jedes Verstecken einen zu hohen Preis hat, zu der tiefen Einsamkeit beiträgt, die letztlich die Depression mit füttert. Richard Beauvais drückt es so wunderbar aus, dass ich ihn ein weiteres Mal zitieren möchte:

„Ich bin hier, weil es letztlich kein Entrinnen vor mir selbst gibt.

Solange ich mir nicht selbst in den Augen und Herzen meiner Mitmenschen begegne, bin ich auf der Flucht.

 

Solange ich nicht zulasse, dass meine Mitmenschen an meinem Innersten teilhaben,

gibt es für mich keine Geborgenheit.

 

Solange ich mich fürchte, durchschaut zu werden,

kann ich weder mich selbst noch andere erkennen –

ich werde allein sein.“

 

Herzensaufrichtigkeit ist immer auch ein bisschen gefährlich, macht scheinbar verletzlich, entrüstet – kurz sie macht uns menschlich. Mein Traum ist, dass Gewaltfreie Kommunikation Menschen darin unterstützt, liebevoll aufrichtig zu sein und mutig für die Welt zu gehen, von der unser Herz weiß, dass sie möglich ist. Nicht allein, nicht perfekt, sondern gemeinsam und mit Beharrlichkeit: „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“

 

 

geschrieben am 11. November 2018 von Gerhard Rothhaupt

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8 Antworten zu “Was ist Ehrlichkeit? Ein Bekenntnis”

  1. Hanno sagt:

    Danke für diesen Text, lieber Gerhard! Mit Deiner Beschreibung des Spannungsverhältnisses zwischen Liebe, Ehrlichkeit, Offenheit, zu-den-eigenen-Seelen-Bedürfnissen-stehen – damit hast Du mich innerlich berührt und dankbar bin ich, weil ich mich durch das Lesen Deiner Worte gestärkt fühle.

  2. Dr.Ingrid Georgi sagt:

    Der Artikel ist für mich sehr ansprechend….wichtig finde ich auch den Aspekt von „Wut und Ärger“….er erschien mir bei meinem bisherigen oberflächlichen GFK-kenntnis oft unterdrückt.Ich erlebe Menschen mit intensiven GFK -Trainings manchmal angelernt überfreundlich.Da fehlt für mich manchmal ein Stück Authenzität….Der Artikel erscheint mir da der Realität etwas näher….und lebensnaher.
    Am gesündesten ist es sicher sich gar nicht erst zu ärgern,doch glaube ich dass ich diesem Anspruch nicht durchhalten kann….es gibt immer wieder Situationen ,die sind einfach schwer aushaltbar.
    Liebe Grüsse Ingrid Georgi

    • Gerhard Rothhaupt sagt:

      Hallo Frau Georgi,

      das freut mich, dass sie meinen Artikel als vergleichsweise lebensnah erleben ;). Und, ich glaube: nicht ärgern ist ein Konzept für eine Kunstwelt. Wenn wir wirklich leben, werden wir uns auch immer wieder in Situationen befinden, in denen wir merken „Das stimmt so für mich nicht“ – und dann brauchen wir die Kraft des Ärgers um diese Situation für uns zu ändern. Nicht zuletzt auch, um die Veränderungen angesichts der Ungerechtigkeiten in der Welt anzustoßen, die wir für nötig halten.
      Die Kunst liegt für mich darin, den Ärger tatsächlich in produktive Handlungsenergie umzusetzen und nicht in einem zwar lauten, aber letztlich meist ziemlich ohnmächtigen Wutausbruch verpuffen zu lassen (wobei es natürlich sehr wohl sinnvoll sein kann, auch laut zu werden).

  3. Michael Rupp sagt:

    Ein ganz wunderbarer Impuls von Dir Gerd. Darum bin ich seit 2 Jahren mit GFK in meinem Leben unterwegs. Weil ich mit dieser Haltung so sein kann wie ich bin. Nicht halb. Immer ganz ich und immer mit dem Blick auf Verbindung.

    Und dabei ist aus meiner Sicht dieses gesellschaftlich oft knappe Gut Ehrlichkeit so elementar.

    Sag ich es jetzt oder sag ich es lieber doch nicht? – Wie oft ist diese Frage in mir lebendig. Wie oft ist diese Frage in meinen Mitmenschen lebendig? – Ach, das lohnt sich doch nicht. Das gibt nur Streit. Denn interessiert das doch sowieso nicht. –
    Für diese Haltung bin ich nicht verantwortlich. Es nicht meine Haltung.

    Ehrlichkeit und Empathie hängen für mich so untrennbar zusammen. Ehrlichkeit in Sichtbarkeit…. runter mit meinen Schutzschirmen und nun sicher weil jetzt verletzlich. Dem anderen mich zeigen in diesem einen jetzt wirksamen Moment.
    Mit dem in diesem Moment lebendigen Gefühl.

    Ich will das Du weißt wer ich bin. Auch wenn Dir diese Sicht auf mich wehtun mag oder sie Dir gar fremd ist. Mit mir zu gehen ist für mich selber so schwer. Wie kannst aber Du mit mir gehen, wenn Du mich nicht kennst.?

    Du. Mein Mitmensch. Wer immer Du bist an meiner Seite. Für einen Moment oder für länger.

    Den Vorwurf aushalten um zu sich selber zu stehen ?…..

    Geniale Wort von Oriah Mountain Dreamer. Den anderen enttäuschen, gar verraten um selber 100% bei mir zu sein. Das ist starker Tobak.

    Wer es einmal erlebt hat weiß um den Schmerz. Wachstumsschmerz. Auf dem Weg zu mir selbst oder um einfach mir treu zu sein.

    Am Ende geht es für mich immer wieder um Verstehen und um die Entscheidung für eine friedvolle Verbindung.

    Danke für diesen coolen Beitrag. Du hast mich damit sehr berührt.

    Michael

    • Gerhard Rothhaupt sagt:

      Lieber Michael, vielen Dank für deinen Kommentar! Immer und immer wieder kommt mir das Zitat von Richard Beauvais aus dem Artikel in den Sinn. Und es kommt für mich in deinen Zeilen rüber wie kraftvoll, dieser Wunsch ist, dass der/die Andere wirklich mich kennen lernt und nicht eine Fassade. Und ich erlebe tatsächlich gerade noch einmal neu, dass dieses mich nach außen sichtbar machen, mir auch hilft, mich selbst tiefer kennen zu lernen.

  4. Maria sagt:

    Weil das Thema „Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit“ für mich zentral ist, habe ich den Artikel mit großem Interesse gelesen.

    Dieser Satz ist mir besonders nahe gegangen: „Es geht eben nicht um nett sein, sondern um echt sein. Und das macht Angst …“

    Gestern Abend haben mein Mann und ich einen Weihnachts-Liebesfilm angeschaut, den wir im ersten Moment ziemlich oberflächlich fanden.

    Dann haben wir uns im Anschluss lange über die Paardynamik der Hauptdarsteller ausgetauscht und sind zu wertvollen
    Einsichten gekommen.

    So hat uns der Film erstaunlicherweise sehr bereichert. Wir konnten sehen, wie sehr die Menschen in romantischer Liebe festhängen – einer Liebe die sich in der Realität nicht erfüllt.

    Uns ist aufgefallen, wie wenig die meisten Menschen ehrlich (vielleicht kann man auch sagen intim) mit sich sind.

    Diese mangelnde Intimität fühlt sich bindungslos und leer an. Wie leicht ist es dann, auf die Liebe und die Sexualität mit einem anderen zu projizieren, dass sich dort alles erfüllt und erlöst.

    Ich hatte plötzlich das Gefühl zu verstehen, weshalb „Sex“ das meist-geklickte Wort im Internet ist. Die Leere und damit die Sehnsucht nach Erfüllung und Intimität ist so groß.

    Jetzt bin ich wieder bei der Ehrlichkeit. Ich glaube, dass man sich selbst sehr nahe sein muss, um sich erfüllt zu fühlen. Und diese Intimität basiert auf Ehrlichkeit.

    Ein lieber Freund hat mich vor Jahren mit der wichtigen Frage überrascht: „Hast Du den Mut, Dich vor Dir selbst zu erschrecken?“ Diese Frage ist mein Leitfaden geworden.

    • Gerhard Rothhaupt sagt:

      Hallo Maria,

      was für eine kraftvolle Frage „Hast du den Mut, dich vor Dir selbst zu erschrecken?“. Die nehm ich mit für die Selbsterforschung. Auch den Zusammenhang von Ehrlichkeit und Intimität finde ich enorm spannend: Mich wirklich sehen zu lassen, nackt ohne beschönigenden Mantel – und doch gerade darin wunderschön. Vielen Dank!

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