Arbeit oder tätige Muße?

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Auf der Suche nach einem neuen Begriff von Arbeit findet Detlev Teichmann vorläufig den Begriff „tätige Muße“ und beschreibt hier welche Qualitäten er damit verbindet und wie ein solcher Begriff mit einer Welt verbunden ist, in der das Tätigsein und die Schönheit an sich gewürdigt werden. Lesen Sie mehr zu seinem Forschungs- und Spürprozess in seinem Gastbeitrag.

 

ich suche ein wort

 

ich will nicht mehr von arbeit sprechen, will mein tun nicht mehr so nennen. vielleicht geht es nicht anders, damit ich verstanden werde. ich hätte gern ein neues wort für sinnvolles, freudvolles,selbstbestimmtes,mit der welt verbundenes tun, für die tätige muße, aus der schönes entsteht und schon der weg dort hin voller schönheit ist. damit meine ich nicht die abwesenheit von dreck, schrott, müll, anstrengung und unwohlgerüchen, nein, diese schönheit kommt aus dem sinnvollen kontext, aus der freiheit, aus der übereinstimmung in mir, aus der verbundenheit mit dem leben und interesse am leben und an all den wesen, mit denen ich es teile.

und mit muße meine ich nicht, dass es grundsätzlich langsam gehen muss. ich habe auch nichts gegen das flotte entstehen lassen. nein, ganz im gegentum, es macht mir freude, wenn die späne fliegen und es macht mir auch nichts aus, vom leim zur eile angetrieben zu werden, zumal, wenn ich dann mit  freudiger ungeduld darauf warten muss, die zwingen wieder zu lösen und dieses warten  mir chance zu einer genussvollen, untätigen muße bietet. die tätige muße ist nicht langsam und selbst wenn sie mal langwierig ist, nicht langweilig. sie ist geprägt von interesse an der sache und ihrem kontext. sie ist ungefähr so anstrengend wie für einen begeisterten sportler sein sport oder einen tänzer sein tanz.

hab ich das wort schon gefunden? tätige muße… vielleicht…

es geht um das leben, um erlebnisse mindestens so sehr wie um ergebnisse. Immerhin geben wir in den jeden entstehungsprozess das wertvollste hinein, über das wir verfügen: unsere kostbare lebenszeit, die momente unseres daseins, die tage, die uns geschenkt werden.

innehalten… die lasse ich mir doch nicht mehr abkaufen, um mich dann an irgendwelchen freud- und geistlosen zerstörungsakten zu beteiligen, die produktion genannt werden. und auch nicht mehr, um junge menschen für dieses sinnlose treiben zuzurichten.

tätige muße in einem freien, natürlichen rhythmus mit untätiger, kommt ohne profitorientierung aus; im gegentum – sie wird eher durch gewinnanhäufungsabsicht verunmöglicht.

es geht direkt um die bedürfnisse und um den tiefen frieden, der sich mit ihrer befriedigung einstellt. jeden span und jeden schweißtropfen für diesen frieden und die schönheit, die daraus erwächst!

innehalten. zeit für tränen.

was ich gegen den begriff der arbeit habe?

arbeit macht dumm!

arbeit macht dumm und gewalttätig!

arbeit macht krank und korrupt!

das ist meine vielleicht etwas übertrieben wirkende antwort auf diese gigantische sinnvernichtungsmaschine, die es sich nicht mal mehr gefallen lassen will, kapitalismus genannt zu werden.

ich meine damit arbeit im kontext von allgemeinem arbeitszwang – wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen – und im kontext von fremdbestimmung, hierarchischer Kommandowirtschaft und profitmaximierung und dem daraus unvermeidlich resultierenden wachstumswahn und illusionsfördernden konsumgewohnheiten.

ursprünglich wurde mit arbeit nur die fronarbeit bezeichnet, eine zumutung, die alles andere als froh macht. Und ich suche nun nach einem wort, das eindeutig ist und genau so leicht zu handhaben, wie der begriff der arbeit. darin sollen die schönheit, die freiheit, die freude und dieser tiefe frieden mitklingen, die sinnhaftigkeit und verbundenheit. tätige muße trifft es schon ganz gut für mich, ist aber im gebrauch dann doch etwas unhandlich, und dann sollte dieses wort auch noch so beschaffen sein, dass es schon aus sich heraus gegen manipulativen missbrauch und propagandistische vereinnahmung ausreichend imprägniert ist. am liebsten wäre mir, es klänge auch lustvoll, lustig und frech genug, dass es jeglichem dogmatismus und pfaffentum trotzt.

wahrscheinlich gibt es dieses wort nicht, weil das, was es beschreibt kaum zu finden ist.

innehalten. es gab einmal den begriff des dilettanten, als positive bezeichnung für jemanden, der etwas aus interesse an der sache, mit freude und begeisterung tut, ohne geregelte ausbildung und ohne monetäre gewinnabsicht. Sein gewinn waren freude, kompetenzzuwachs, inneres wachstum, anerkennung im kreise seiner freunde und erfreuliche ergebnisse. er war der liebhaber der muse, die ihn küsste, ein tätiger müßiggänger. erst später wurde dieser begriff von ehrgeizigen, verbiesterten profis zum schimpfwort gemacht, von leuten also, die sich etwas darauf zugute halten, ihre arbeit nicht zum vergnügen zu machen.

Helft mir dieses wort zu finden und die welt,in der es berechtigt ist sich zu etablieren, weil es immer mehr wirklichkeit wird.
Detlev Teichmann

 

Anmerkung von Gerhard Rothhaupt: Dieser Artikel steht in der Verantwortung des Autors. Ich stimme nicht unbedingt in allen Aspekten mit dem Autor überein, habe ihn aber für den Gastbeitrag eingeladen, weil mir der Grundtenor wichtig und nahe ist.

geschrieben am 13. Juli 2011 von Gerhard Rothhaupt

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3 Antworten zu “Arbeit oder tätige Muße?”

  1. Luzia Janett sagt:

    Danke für deinen Text, Detlev. Alles sehe ich nicht wie du – aber ich finde es sehr wertvoll, dass man über das Thema nachdenkt. Lies mal in meinem blog.volare-toscana.ch was ich über „Ich arbeite – warum eigentlich“ geschrieben habe. Und sag mir, was du darüber meinst! Herzlichst – Luzia

  2. Susi sagt:

    Frohes Schaffen finde ich gut. 😉

  3. Christine Kabst sagt:

    Mich inspiriert der Begriff „Tatigsein“, quasi sinnstiftende Arbeit. Arbeit als Erwerbsarbeit hat eine Funktion und dient einem Bedürfnis nach Sicherheit, Gemeinschaft, Verbindung. Sie wird dann lebensfeindlich, wenn die Tätigkeit seinem Wesen entfremdet ist. Die Verbindung zur Außen- und Innenwelt abbricht. Wenn die Gesundheit und die Bedürfnisse nach Sicherheit, Integrität, Gemeinschaft bedroht sind. Ermächtigung, sich Bedürfnisse erfüllen zu können, ist Tätigsein und schafft eine neue Verbindung in einer Gemeinschaft und zum Geld in einer Arbeitsgesellschaft, in der wir leben.

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