Gewalt – eine Kurzbetrachtung

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Gewalt und Gewaltfreiheit sind  in vieler Munde. Ich nehme dies zum Anlass, einige Zeilen zu meinem Verständnis von Gewalt und Gewaltfreiheit (s. hierzu Gewaltfreiheit und Liebe) zu schreiben.

Gewalt ist nicht böse

Vor jeder tieferen Erforschung des Themas Gewalt finde ich es wichtig, eines klar zu stellen: Bei der Diskussion geht es nicht um Gut oder Böse, nicht um Richtig und Falsch. Die Gewaltfreien sind nicht die Guten und die Gewalttätigen die Schlechten. Diese Einteilung wäre im Sinne der GFK bereits wieder in der gleichen Haltung, die Gewalt produziert. Wir gehen stattdessen davon aus, dass unser Handeln immer der beste Versuch ist, unsere Bedürfnisse zu erfüllen. „Gewalttätiges Handeln braucht also nicht Bestrafung, sondern Lernen anderer Möglichkeiten, die die Bedürfnisse besser erfüllen.

Gewalt beginnt im Denken

Marshall Rosenberg sieht Gewalt als jeden Versuch, jemanden zu etwas zu zwingen. Er sieht Gewalt auch in Systemen, die Menschen diskriminieren und einen gleichen Zugang zu Ressourcen und Gerechtigkeit verhindert.

Alfi Kohn definiert Gewalt als das Nutzen von Macht, um jemanden dazu zu bringen, etwas zu tun, was er nicht tun will oder jemandem etwas zuzufügen, das er nicht will.

Nach Rosenberg beginnt Gewalt bereits im Denken und zwar immer dann wenn ich jemanden nicht in seiner vollen Menschlichkeit sehe. Immer dann, wenn wir jemanden verurteilen oder in (moralische) Schubladen stecken, wenn wir uns hinter Amtssprache verstecken, entfernen wir uns von dem realen Menschen. Wichtig für mich: Dies umfasst auch meine Gewalt gegen mich selbst. In diesem Sinne werden wir uns alle dabei finden, dass wir Gewalt anwenden.

 

„Gewalt ist ein tragischer Ausdruck menschlicher Bedürfnisse“

sagt  Rosenberg und weist damit klar auf eine der wichtigsten Punkte hin. Mit dem was wir als Gewalt bezeichnen, versuchen wir uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen. Wir haben oft nichts Besseres gelernt und bezahlen einen hohen Preis für das, was wir tun.

Für Gewalt zahlen wir einen hohen Preis

Spüren Sie es nach, wie es Ihnen geht, wenn Sie über Andere urteilen, wenn Sie sich im Kampf befinden. Wohl kaum wird jemand gewalttätig handeln, wenn er sich rundum wohl fühlt. Das Ausüben von Gewalt verhindert leider oft, dass wir uns mit den wahren Ursachen hinter unserer Not verbinden und nachhaltige Strategien entwickeln, um daran etwas zu ändern.

Wenn wir gewalttätig sind, brauchen wir Empathie

Was Menschen brauchen, die gerade „gewalttätig“ sind, ist nicht Bestrafung, Verurteilung, Analyse oder Belehrung, sondern Empathie. „Wir brauchen Empathie dann am meisten, wenn es am schwersten ist, sie zu geben“, sagt Rosenberg und auch das spüren wir sehr deutlich, wenn wir uns nur einmal wirklich ernst nehmen. Wer hat nicht gerade in Momenten größter Wut Sätze im Kopf wie „Dann wissen Sie wenigstens, was los ist“ oder „Wie es mir geht, interessiert ja sowieso keinen“.

Eine vertiefte Betrachtung zum Thema Gewalt findet sich im Artikel „Gewalt verhindern und behandeln

geschrieben am 9. November 2017 von Gerhard Rothhaupt

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6 Antworten zu “Gewalt – eine Kurzbetrachtung”

  1. Dirk sagt:

    Hier wird zwar einleitend angemerkt, es ginge nicht um Gut oder Böse, dann aber m.E. doch ganz unmißverständlich gewertet: „Durch Gewalt schneiden wir uns vom Leben ab“. Verbunden mit dem hier doch sehr umfassend verwendeten Gewaltbegriff ist mir das entschieden zu undifferenziert.
    Nach meinem Verständnis gibt es im Wesentlichen zwei Handlungsoptionen zur Verwirklichung von Bedürfnissen: Zusammenarbeit und Gewalt. Und beide Optionen sind sowohl erfolgreich als auch gesellschaftlich akzeptiert – wobei sich die verschiedenen Kulturen und Gemeinschaften hier im Detail natürlich erheblich unterscheiden. Ich halte gerade die gesellschaftliche Akzeptanz für eine Vielzahl von Gewaltformen und -Ausübungen für den wichtigsten Punkt: Hierdurch wird entschieden, ob ein „Gewalttäter“ im Rahmen der gesellschaftlichen Norm handelt, oder nicht. Tut er es und erreicht er sein Ziel, wird er Genugtuung und Freude empfinden, und häufig sogar Anerkennung ernten. Er ist nicht etwa vom Leben abgeschnitten, sondern hat im Gegenteil sein Leben bereichert. Und das sowohl subjektiv wie auch im Ansehen seiner Mitmenschen.

    • Gerhard sagt:

      Lieber Dirk,
      vielen Dank für deinen Kommentar. Ich würde eher von einem Handlungskontinuum sprechen von Zusammenarbeit und Gewalt. Auf jeden Fall ist Gewalt immer eine Option und ich finde es sinnvoll zu prüfen, welche Option meine Bedürfnisse denn in dem konkreten Fall die größte Chance zu haben scheint, meine Bedürfnisse zu erfüllen. Dazu sagt Gandhi ungefähr: „Wenn ich irgendwann mal nur die Wahl hätte zwischen Gewalt und dem passiven Hinnehmen von Missständen, würde ich die Gewalt wählen“. In wieweit ich Gewalt anwende ist sicherlich auch eine Frage meiner Werte.
      Ganz klar sind viele Formen von Gewaltausübung gesellschaftlich anerkannt und sogar gefördert, bringen ein großes Sozialprestige. Und gleichzeitig glaube ich, dass ich durch ein solches Handeln oft meine eigene Integrität verletze, mich von meinem Kern entferne, einen dickeren Panzer aufbaue, meine Empathiebereitschaft zurück nehme und auf diese Weise „vom Leben abgeschnitten“ bin. Die vielen Beispiele, dass Menschen, die als „Ellenbogentypen“ bezeichnet werden, irgendwann eine Wende durchmachen, zeigen das aus meiner Sicht sehr deutlich. Auch mein eigenes Erleben als jemand, der viel Gewalt nutzte, um seine Interessen durchzusetzen, weisen mich auf den hohen Preis eines gewaltsamen Handelns hin. – Und ich möchte offen dafür bleiben, dass es für andere Menschen anders sein kann.

  2. […] zu machen und für Verständnis / Empathie zu sorgen. (Darüber hat neulich auch Gerhard in seinem Blog […]

  3. Markus sagt:

    Hi Gerhard,
    danke, schöner Artikel! Auch Dirks Antwort kann ich nachvollziehen. Ich denke, wir müssen in der GFK aufpassen, dass unsere „Szene-Sprache“ („vom Leben abgeschnitten“) nicht immer zu Klarheit und Verständigung führt. Ich denke auch, dass jemand, der Gewalt ausübt sich lebendig fühlt und dass er etwas bekommen hat, was er/sie wollte (in diesem Sinne also sein Leben „bereichert“ hat). Es ist sogar schwierig zu behaupte, dass jemand der gewalttätig ist, sich nicht „besser“ oder „gut“ fühlt – subjektiv tut er das wohl, objektiv glaube ich das nicht, und die Hirnforschung kann das wohl auch zeigen (s. Artikel über die Arbeit von Joachim Bauer http://www.markus-sikor.de)./blog/blog/)
    Unabhängig von allen „wissenschaftlichen“ Fakten zur Gewalt geht es mir aber vor allem um die Frage, ob wir Gewalt wollen? Ist Gewalt gut für uns Menschen, ökonomisch, sozial, spirituell?
    Das sind für mich die wichtigen Fragen.
    Liebe Grüße,
    Markus

  4. Dirk sagt:

    Ich bin bestimmt kein GfK-Insider und könnte mir daher vorstellen, dass diese Diskussion dort längst ein alter Hut ist. Dennoch will ich versuchen meine Sichtweise hier noch etwas klarer zu machen.
    Ich denke, es geht allein um die Frage, welche Gewalt wir wollen. Denn wir brauchen Gewalt!
    Dazu zwei Beispiele:
    Wenn ich meinem Sohn Kraft väterlicher Authorität verbiete, aus lauter Übermut aus drei Meter Höhe von einem Baum zu springen, übe ich – nach Gerhards Definition – Gewalt aus. Und ich verhindere damit, dass sich mein Sohn ein Bein bricht, oder gar schlimmeres.
    Wenn ein Polizist mit vorgehaltener Waffe einen Menschen davon abhält, mit einer Bierflasche auf einen anderen Menschen loszugehen, ist das ebenfalls Gewalt.
    In beiden Fällen wäre auf Einsicht und Verständnis ausgerichtete verbale Kommunikation wirkungslos, denn in beiden Beispielen kommt es auf schnelles, entschiedenes Handeln an.

    Ein Konzept wie GfK muss hier m.E. schon sehr genau differenzieren, den der Name als solches trägt ja bereits erheblich zu Missverständnissen bei.

    • Gerhard sagt:

      Hi Dirk,
      in dem Punkt stimme ich dir voll zu. Wenn wir unser Leben aktiv leben, dann werden wir in Situationen kommen können, in denen wir gegen den Willen des Anderen handeln. Nur wenn wir bereit sind, diesen Spagat und das Risiko von Fehlentscheidungen auf uns zu nehmen, haben wir auch die Chance wirklich aktiv für das einzutreten, was uns wichtig ist.
      Das Beispiel mit dem Kind wäre im Sinne der GFK ein klassischer Fall des Einsatzes von „schützendem Zwang“, wie gesagt in meinem Weltbild eine wichtige Handlungsoption. In vielen Fällen ist es sicher nicht so einfach zu entscheiden, ob ich auf der schützenden Seite bin oder „meine Macht ausspiele“. Deshalb finde ich es auch in diesen Fällen wichtig, die eigene Motivation zu überprüfen und mit dem Kind, dem Gewalttäter in einen echten Dialog zu kommen, zumindest den Versuch zu machen. Bleibe ich bei Vorwürfen hängen ohne dem Anderen wirklich zuzuhören, dann bleibt nach meiner Erfahrung der entscheidende Lernschritt oft aus.
      Schöne Zeit
      Gerhard

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