Wenn Selbstempathie nicht funktioniert – GFK und Trauma

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Dieser Artikel erschien leicht verändert zuerst in der Empathischen Zeit 2/2019, dem weltweit einzigen und sehr empfehlenswerten „Magazin für Konfliktlösung und sozialen Wandel durch Gewaltfreie Kommunikation.

 

Beeki / Pixabay

Kennst du das? Ein kleiner Auslöser macht in dir eine riesige Welle und du bist wie abgeschossen, nicht mehr wirklich anwesend im Hier und Jetzt. Vielleicht bist du weit über das Angemessene hinaus wütend, regelrecht in Rage – zumindest innerlich. Oder du flüchtest: Gehst weg aus der Situation oder lenkst dich ab mit Computeraktivitäten, Essen, Rauchen. Die dritte Möglichkeit: Du erstarrst. Vielleicht hältst du nach außen den Schein aufrecht und keiner merkt es. Aber innerlich bist du wie abgestorben, erstarrt, zu Eis gefroren. Du fühlst nichts mehr.

In solchen Momenten kommst du wahrscheinlich nicht einmal auf die Idee, dir selbst Empathie zu geben und wenn du versuchst, deine Gefühle und Bedürfnisse zu finden, bleibt es hohl und leer oder du hast innere Widerstände dagegen.

Das ist kein Indiz dafür, dass du eine „schlechte GFKlerIn“ bist. Es ist viel mehr ein Indiz dafür, dass in diesen Situationen bei dir ein Trauma aktiviert wurde und dass dein Körper das entsprechende Schutzprogramm eingeschaltet hat. In dieser Situation hast du kaum Zugang zu deinem Großhirn und damit auch nicht zu dem, was du in der GFK gelernt hast. Um das Erlernte anwenden zu können, brauchst du ein erhebliches Maß an Bewusstheit. In diesen Situationen hat dein System aber auf Überlebensmodus geschaltet, die Steuerung übernehmen das autonome Nervensystem und die alten Teile deines Gehirns – das Großhirn ist weitgehend auf Stand By geschaltet. Langes Nachdenken ist biologisch gesehen in einer akuten Gefahrensituation viel zu langsam und zu gefährlich. Es gibt genau ein Bedürfnis, das jetzt im Vordergrund steht: Sicherheit und Überleben. Und um dieses ganz basale Bedürfnis gilt es, sich jetzt zu kümmern. Und das geht eben nicht mit Denken. Es geht über den Körper. Dazu später mehr.

Doch zunächst zu meiner Behauptung, dass in einer solchen Situation ein Trauma aktiviert wurde. Wichtig dabei ist, dass ich hier nicht automatisch von dem großen schrecklichen Ereignis aus deiner Vergangenheit spreche, das in der Diskussion um Trauma immer noch im Vordergrund steht (wie ein Unfall, sexueller Missbrauch etc.). Diese Art von Trauma bezeichnet man als Schocktrauma.

Viel häufiger und weniger offensichtlich kommen Entwicklungstraumata vor. Das sind Traumata, die durch längerfristige Überforderung unseres Systems vor allem in frühester Kindheit entstehen. Viele der Erziehungspraktiken, die noch in meiner Kindheit „ganz normal“ waren, sind aus Sicht des Babys und Kleinkindes einfach nur lebensbedrohlich oder zumindest extrem überfordernd: Kinder schreien lassen, damit sich die Lunge kräftigt, wenig Körperkontakt, emotionale Distanz der Bezugspersonen, wenig positives Spiegeln, andere dauerhafte psychische Überforderung der Bezugspersonen …

johnhain / Pixabay

Die aus diesen Erfahrungen resultierenden Traumata sind zumindest in meiner Generation so weit verbreitet, dass wir sie lange Zeit gar nicht als Traumata erkannt haben (die Traumaexpertin Dami Charf geht davon aus, dass weit über 90 % der Bevölkerung Entwicklungstraumata in erheblichem Umfang erlitten haben). Unabhängig davon ob wir etwas als Trauma erkennen oder nicht hat es  einen sehr tief greifenden Effekt auf unser gesamtes Leben und insbesondere auf unsere Fähigkeit, uns selbst zu regulieren und in Kontakt zu bleiben. Wenn ein Trauma aktiviert wird, verlassen wir quasi das Hier und Jetzt sowie das Miteinander. Meist geschieht dies in Sekundenbruchteilen. Unser autonomes Nervensystem schaltet auf Alarm und wir erleben die Situation als wenn es ums Überleben ginge. Vielleicht merken wir sogar noch mit unserem inneren Beobachter, dass wir unangemessen reagieren, doch das ändert nichts oder nur wenig an unserer Reaktion. Denn das autonome Nervensystem „regiert“ unterhalb der Bewusstheitsschwelle. Das ist bio-logisch ausgesprochen sinnvoll, weil so am effektivsten alle nötigen Ressourcen für das Überleben bereitgestellt werden können. Schwierig wird es dadurch, dass die meisten unserer erlebten Gefährdungssituationen in Wirklichkeit ja psycho-logischer Natur sind und wir mit unserer Bio-Logik reagieren. Das führt zu ausgesprochen unangemessenen Verhaltensweisen. Der Psychotherapeut Pete Walker bezeichnet die oben beschriebenen Reaktionen als „emotionale Flashbacks“. Das heißt dass unsere Gefühle aus der Vergangenheit gespeist werden, es sich aber ganz real anfühlt. Wie bei den klassischen Flashbacks können wir uns gegen die emotionalen Flashbacks nicht so einfach wehren, sie ereignen sich wenn ensprechende Auslöser da sind. Wir können aber lernen, damit anders umzugehen und so nach und nach freier und bewusster darin zu werden.

Wie kommen wir da wieder raus? Im Folgenden sind einige Elemente benannt, die in einer solchen Situation wie oben beschrieben helfen können. Dabei konzentriere ich mich auf Selbsthilfe:

johnhain / Pixabay

 

Liebesvolles Erkennen und benennen

Im ersten Schritt geht es darum, zu erkennen, dass wir in eine Traumareaktion geraten sind und uns dafür nicht verurteilen. Wir brauchen jetzt vor allem Sicherheit und Zuwendung. Nichts an uns ist falsch, wir müssen nicht anders sein. Wir sind einfach in Not. Vielleicht können wir uns sogar etwas sagen wie „Es ist ok, ich bin ok“ – „Ich bin in Not“ oder was auch immer passt. Alles was darüber hinaus geht, führt oft weiter weg von uns.

In der Welt der Klopftechniken gibt es den Satz: „Auch wenn ich jetzt überreagiere und in Not bin, liebe und akzeptiere ich mich selbst so, wie ich bin“. Dabei können wir die Hand aufs Herz legen und damit Selbstmitgefühl einladen.

 

Innehalten und atmen

Wenn wir in unserer Kampf- oder Fluchtreaktion sind, dann wollen wir handeln. Doch genau das hilft hier nicht weiter. Es geht vielmehr um Innehalten. -Innehalten und Atmen – mehrfach bewusst tief Atmen. Bewusstes Atmen gehört zu den machtvollsten Ankern für das Hier und Jetzt, die wir haben. Darauf weist Marshall sehr eindrücklich in seinem Ärgerprozess hin.

 

Körper spüren

Was mir hilft, ist dann auch den Körper zu spüren. Und damit meine ich nicht nur das spüren von innen heraus. Es geht ganz konkret um das Berühren und Anfassen. An den Armen, den Schultern, Oberschenkeln, die Hand aufs Herz. Mir hilft meist feste Berührung, die durch meine Schutzschichten dringt. Wichtig ist, dass wir nicht versuchen, künstlich Gefühle und Bedürfnisse zu benennen. Das ist meist eine Überforderung und führt uns in der Regel nur zurück in die Dissoziation, also die Trennung von Körper und Bewusstsein. Wenn ich mich anfasse, entspanne ich mich meist von ganz allein ein wenig. Im Folgenden kann ich dann ganz aktiv Schultern, Nacken, Hände, Arme, Beine, Po entspannen.

 

Orientieren

Sehr hilfreich kann es auch sein, sich in dieser Situation umzuschauen und bewusst die Umgebung wahrzunehmen, evtl. auch drei Dinge zu benennen, die ich sehe, höre, spüre. Orientierung ist eine natürliche Reaktion auf Erschrecken, die oft in der Traumareaktion unterbleibt.

 

Stimme

Schließlich hilft noch die menschliche Stimme: Mit mir selbst zu reden in einer sanften Tonlage: „Du hast dich erschreckt, mein Lieber“ oder „Es ist in Ordnung“. Oder summen, singen. Das Unterbewusste nimmt die Worte nicht auf, sehr wohl aber die (Sprach-)Melodie.

 

Unterstützung holen

Und natürlich ist eine der wirkungsvollsten Maßnahmen, uns Unterstützung zu holen, z. B. in Form von Empathie. Gleichzeitig erlebe ich es so, dass das genau an dieser Stelle besonders schwierig ist. Mich so zu zeigen, wie ich bin, wirkt wie mich ausliefern – und das ist ja genau das Gegenteil von dem, was ich brauche: Sicherheit und Schutz. Das hat viel damit zu tun, dass wir die traumatisierenden Situationen ja meist genau mit den Menschen erlebt haben, bei denen wir auch am intensivsten Schutz gesucht haben: unseren Eltern. In eine Traumaerinnerung geraten zu sein, bedeutet deshalb oft, dass uns gerade die Menschen, die uns besonders nah sind, auch besonders gefährlich erscheinen -fatal, aber wieder stimmig aus der Logik des Überlebens. Außerdem ist in Situationen, in denen emotionale Flashbacks auftreten meist auch viel Scham aktiviert. Wir glauben wir sind falsch, weil wir so reagieren und wollen uns deshalb niemand Anderem zumuten. All das sind letztlich Reaktionen des vernachlässigten und verängstigten Kindes. Umso mehr gilt auch hier: Sei liebevoll mit dir, wenn es dir schwerfällt um Unterstützung zu fragen.

 

Wenn wir über die oben beschriebenen Maßnahmen wieder mehr Zugang zu unserem Großhirn finden und damit zu unseren erlernten Fähigkeiten, dann kann sich auch die Heilkraft der GFK-Selbstempathie entfalten. Und natürlich ist tiefe Empathie von Anderen, wie wir sie in der GFK lernen, enorm wirkungsvoll und hilfreich in diesen Situationen. Die aufgeführten Techniken                              sind also nicht als Ersatz für GFK gedacht, sondern als Hinführung. Mit dem Wissen um Entwicklungstrauma vermeiden wir, dass wir andere und uns selbst in Notsituationen überfordern und können GFK noch wirkungsvoller und menschlicher anwenden. Viel Freude dabei.

 

Weiterführendes

Pete Walker: Die Gezeichneten. Ein ganz hervorragender Artikel.

Pete Walker hat auf seiner Webseite auch viele weitere Artikel etc, allerdings auf englisch.

Dami Charf in ihrem Videoblog über Emotionale Flashbacks. Auf Damis Seite gibt es auch eine Vielzahl weiterer interessanter Informationen.

Dami Charf: Auch alte Wunden können heilen. Das Buch von Dami. Im Buchladen kaufen oder bei Buch7 kaufen, dem sozialen Buchversand.

geschrieben am 25. Juni 2019 von Gerhard Rothhaupt

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